Kategorien
Tagebuch

Notizen über Schreibblockade und Epiphänomenalismus

Das leere Blatt starrt mich an. Ich sitze schon seit 15 Minuten mit meinem Laptop auf dem Schoß und denke nach. Worüber könnte ich schreiben? Mein erster Text seit – ja, seit wie lange eigentlich? Seit zweieinhalb Jahren. So lange hat mich meine Psychose mitsamt anhaltender Negativsymptomatik aus der Bahn geworfen. Jetzt ist es langsam an der Zeit, wieder zur sprichwörtlichen Feder zu greifen. Zumindest sage ich mir das. Aber ich stehe mir selbst im Weg. Ich finde keinen Anfang.

Weitere fünf Minuten verstreichen, während ich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa sitze und nachdenke. Es gäbe schon Ideen, so ist es nicht. Aber manchmal habe ich das Gefühl, ein Hochstapler zu sein. Warum sollte es jemanden interessieren, was ich denke? Bin ich mehr als ein interessierter Laie? Denke ich nicht nur Dinge, die andere bereits vor mir gedacht und zu Papier gebracht haben?

Hier ist ein Beispiel. Ich könnte über den Epiphänomenalismus schreiben. Epiphänomenalisten vertreten die These, dass unser bewusstes Erleben keinerlei kausalen Einfluss auf unser Handeln hat. Bewusstes Erleben ist bildlich gesprochen nicht mehr als das Pfeifen eines Teekessels mit kochendem Wasser: Ein Epiphänomen eben.

Ich halte den Epiphänomenalismus für gänzlich unplausibel, vor allem aus zwei Gründen. Erstens würde der Epiphänomenalist sagen müssen, dass Schmerzerleben nicht ursächlich für schmerzvermeidendes Verhalten ist. Aber es gibt Menschen die ohne Schmerzempfinden geboren werden – und sie verhalten sich eben nicht so, wie sich normale Menschen mit Schmerzempfinden verhalten würden. Das allein scheint mir bereits eine hinreichende empirische Widerlegung des Epiphänomenalismus zu sein.

Zweitens erzählen wir uns gegenseitig unsere Träume – aber das tun wir nur dann und weil wir sie bewusst erleben. Bewusst erlebte Träume haben also einen kausalen Einfluss auf unser Handeln – und mir fällt keine alternative kausale Erklärung ein, die ein Epiphänomenalist für unsere Praxis des Traumerzählens geben könnte. Denn wenn das bewusste Erleben keine Rolle spielen sollte – warum erzählen wir uns dann niemals Träume, die wir nicht bewusst erlebt haben?

Aber da kommt schon wieder mein Hochstaplersyndrom ins Spiel: Ich habe mich mit dem Epiphänomenalismus nicht eingehend beschäftigt. Vielleicht hat ein Epiphänomenalist ja Antworten auf meine Einwände. Bestimmt hat er das. Sollte ich also über den Epiphänomenalismus wirklich einen längeren Blogeintrag verfassen? Sollte ich mich nicht erstmal mehr in das Thema einlesen? Bin ich vorbereitet genug?

Auf der anderen Seite gibt es auch ein Relevanzproblem: Interessiert sich jemand für Epiphänomenalismus? Für wen schreibe ich das? Für mich? Für andere? Liest das überhaupt irgendwer? Was verspreche ich mir vom Schreiben? Wozu überhaupt Schreiben?

Jeder Ansatz für einen Text wird von solchen Fragen zersetzt. Was ich bräuchte wäre Motivation von außen. „Schreib mal über dies und das.“ – „Ich fände es cool, wenn du über XYZ schreiben würdest.“ – Sowas in der Art. Aber ich bin eher der Typ „einsamer Wolf“: Kaum soziale Kontakte, in mich gekehrt, schweigsam. Das macht es nicht einfacher.

Und ist es nicht so: Hält mich nicht mein bewusst erlebtes Denken und Wälzen von Fragen und Selbstzweifeln vom Schreiben ab? Was ist es denn sonst? Ist nicht auch das ein Beleg für das Scheitern des Epiphänomenalismus? Es macht doch einen Unterschied, ob ich einen Text in einem tranceartigen Zustand direkt aufs Papier bringe, oder ob ich Formulierungen hin und her wende und nach zündenden Ideen Ausschau halte.

Vielleicht sollte ich es für heute gut sein lassen und mir sagen: Ich habe es immerhin geschafft, ein paar Notizen über den Epiphänomenalismus zu Papier zu bringen. Das ist nicht viel, aber ein erster Schritt. Mehr muss ich als Schizophrener an einem Tag vielleicht nicht leisten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner