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Philosophie

Besitzen die Menschen Vernunft? Ein kurzer Abriss einer bemerkenswerten Theorie von Hugo Mercier und Dan Sperber

Beginnen wir zur Abwechslung mit zwei persönlichen Anekdoten. Beide Anekdoten ereigneten sich während meines Zweitstudiums zum Mathe- und Philosophielehrer, genauer: Während philosophiedidaktischen Seminaren im Master.

Philosophie: Der alles zerstörende Hammer!?

Anekdote Nummer 1: In meinem ersten philosophiedidaktischen Seminar hat unser Dozent einen Werkzeugkoffer mitgebracht und uns gebeten, das Werkzeug auszusuchen, das versinnbildlicht, was wir unseren Schülerinnen und Schülern später einmal beibringen wollen. Als das Werkzeug so aufgereiht da lag, starrte mich vor allem der Hammer unumwunden an. Auch ein Skalpell hätte ich gerne genommen, aber das gab es nicht. Damit blieb eigentlich nur der Hammer übrig. Sollte ich also den Hammer nehmen? Aber konnte ich als angehender Lehrer überhaupt den Hammer nehmen?

Ich weiß nicht mehr, ob mir jemand den Hammer vor der Nase weggeschnappt hat, oder ob es doch ein Fall von intellektueller Feigheit war. Am Ende nahm ich jedenfalls nicht den Hammer, sondern die Wasserwaage: In der Philosophie ginge es demnach vor allem um das Abwägen von Gründen, um am Ende zu einem ausgewogenen Urteil zu gelangen. In meinem Herzen aber war die Philosophie keine Wasserwaage. Sie war ein alles zertrümmernder Hammer. Und vielleicht hat sich meine Sicht auf die Philosophie nur dahingehend geändert, dass ich heute geneigt bin, den Hammer selektiver und gezielter schwingen zu lassen.

Was sind „Prinzipien der Vernunft“?

Anekdote Nummer 2: In einem weiteren Philosophiedidaktik-Seminar sollte eine Schulbuchreihe vor dem Hintergrund didaktischer Erwägungen analysiert werden. In einer der ersten Stunden lasen wir zusammen die Einleitung der gesamten Reihe, bei der ich gegen Ende des Lesens in ein idiosynkratisches Stocken geriet. Den genauen Wortlaut des Satzes kann ich leider nicht mehr (ohne übermäßigen Aufwand) reproduzieren, aber sinngemäß lautete er etwa folgendermaßen:

„Wir [die Schulbuch-Autoren] hoffen, dass dir das Schulbuch ein Begleiter sein wird, mit dessen Hilfe du dich an den Prinzipien der Vernunft orientieren kannst.“

Ich bin versucht, meine spontane Aversion gegen diesen Satz mit Verweis auf die (vor allem kontinentale) Philosophiegeschichte zu begründen – aber im Rahmen dieser Anekdote würde ich damit den historischen Tatsachen Gewalt antun. Mit den großen Philosophen der Vernunft wie Kant oder Hegel, und vor allem mit ihrer Kritik durch Adorno, war ich damals noch gänzlich unvertraut.

Vielleicht war es einfach meine eigene Einstellung zur Philosophie, die mich hier stocken ließ: Da mir persönlich die Philosophie keinerlei Orientierungshilfe bot, und da Philosophie für mich ein alles zertrümmernder Hammer war, konnte ich mit der Floskel der Orientierung stiftenden „Prinzipien der Vernunft“ so gar nichts anfangen.

Zugleich hatte ich aber genügend gute Erfahrungen damit gemacht, kindische und naive Fragen zu stellen, durch die der alles zermalmende Prozess der Philosophie in Gang kommen konnte: Was meinen die Autoren denn da mit „Prinzipien der Vernunft“? Woher weiß ich, welche meiner Prinzipien sogenannte „Prinzipien der Vernunft“ sind? Und was ist überhaupt Vernunft?

Solche Fragen, die ich damals ganz unbefangen und wirklich unwissend stellen konnte, docken bei mir heutzutage an einen viel reicheren philosophiegeschichtlichen Fundus an. Damals aber war ich, wie gesagt, einfach nur naiv und rein intuitiv dem Sprechen über „Prinzipien der Vernunft“ völlig abgeneigt.

Was war nun die Antwort auf meine Fragen? Nun, man kann sich vorstellen, dass diese Fragen den Rahmen einer Schulbuchanalyse sprengten. Entsprechend waren die Antworten so dürr gehalten, dass sie mich nicht befriedigten und ich sie sogleich wieder vergaß. Meine intuitive Abneigung hingegen blieb, und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich schon damals einen gewissen Verdacht hatte, den ich wiederum aus intellektueller Feigheit für mich behielt: Nennen die Autoren ihre persönlichen Überzeugungen einfach „Prinzipien der Vernunft“, um ihnen einen objektiven Anstrich zu verleihen?

Vernunft: Ein Vermögen objektiver Erkenntnis durch Denken?

Nun gibt es natürlich viele Verwendungsweisen der miteinander eng verwandten Begriffe Verstand und Vernunft, und wie bereits Schopenhauer bemerkt hat, hat nicht einmal Kant selbst die Begriffe einheitlich und systematisch verwendet. Es wäre deshalb müßig, hier eine Definition der Vernunft geben zu wollen: Wenn ein Begriff vieldeutig verwendet wird, kann er nicht eindeutig definiert werden. Darüber hinaus – und damit leiten wir langsam zum Hauptthema über – gibt es im Englischen überhaupt keine Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft: Dort spricht man einfach nur von Reason.

In diesem Beitrag nehmen wir einfach eine willkürliche Definition des Vernunftbegriffs vor: Wir wollen die Vernunft für die Zwecke dieses Beitrags als ein Vermögen definieren, mithilfe von Gedanken objektive Erkenntnisse über die Welt zu generieren. Wir können dies die intellektualistische Auffassung der Vernunft nennen. Durch Denken erkennen wir demnach, wie die Welt wirklich beschaffen ist, und durch Denken erkennen wir objektive Prinzipien, an denen wir uns im Handeln orientieren können.

Das zweifache Rätsel der Vernunft

In ihrem Buch The Enigma of Reason. A New Theory of Human Understanding machen sich Hugo Mercier und Dan Sperber daran, diese intellektualistische Auffassung der Vernunft gründlich zu erschüttern – in enthusiastischem Überschwang würde ich beinahe sagen, dass sie das von Kant begonnene Programm einer grundlegenden Vernunftkritik zu einem neuen Höhepunkt geführt haben. Sie gehen dabei aus von einem doppelt rätselhaften Befund über die Vernunft (reason).

Die Vernunft: Eine rein menschliche Superkraft?

Erstens wird die Vernunft oft als dasjenige Vermögen angesehen, das den Menschen über das Tierreich hinaushebt bzw. den Menschen gegenüber der Tierwelt auszeichnet. Die Vernunft erscheint aus dieser Sicht wie eine Art Superkraft des Menschen – und das erste Rätsel lautet, wie die Evolution es geschafft hat, diese Superkraft beim Menschen – und offenbar nur bei ihm!?! – hervorzubringen.

Die Vernunft: Eine systematisch täuschende Superkraft?

Das zweite Rätsel betrifft eine dunklere Seite der Vernunft, die durch die psychologischen Forschungen der letzten Jahrzehnte in taghelles Licht gerückt wurde: In einer ganzen Reihe von Experimenten wurde nämlich gezeigt, dass das individuelle Vernunftvermögen in der Praxis systematische Verzerrungen zeitigt. Die wohl am besten belegte, systematisch auftretende kognitive Verzerrung ist der Bestätigungsfehler oder confirmation bias, den die Autoren als myside bias bezeichnen.

Der myside bias lässt sich wie folgt zusammenfassen: Menschen neigen im Allgemeinen dazu, ausschließlich Bestätigungen für ihre eigenen Ansichten und Rechtfertigungen ihres eigenen faktischen Verhaltens zu suchen, und geben sich dabei häufig selbst mit abwegigen oder schwachen Begründungen zufrieden. Kurz gesagt: Die Vernunft, wie sie sich uns außerhalb der hehren Proklamationen des philosophisch-aufklärerischen Elfenbeinturms im schmutzigen Alltag präsentiert, ist in aller Regel voreingenommen und faul.

Das zweite Rätsel lässt sich daher so formulieren: Wie kann es sein, dass unsere vermeintliche Superkraft bei näherer Betrachtung systematische Schwächen offenbart? Gerade vor einem evolutionären Hintergrund ist dieser Befund äußerst seltsam. Wenn der evolutionäre Vorteil, den uns die Vernunft beschert hat, darin besteht, uns objektive Erkenntnisse über uns und unsere Umwelt zu bescheren – warum hat die Vernunft dann einen myside bias?

Des Rätsels Lösung: Sag lieber Vernünftelmodul als Vernunft!

Die Autoren schlagen nun vor, dass menschliche Individuen nicht mit Vernunft (Reason mit großem R) begabt sind, sondern lediglich mit einem – wie ich es in Anlehnung an einen Sprachgebrauch der Aufklärer des 18.-19. Jahrhunderts nennen möchte – Vernünftelmodul (reason module mit kleinem r). Dieses Vernünftelmodul hat nicht die Aufgabe, dem Individuum objektive Erkenntnisse über sich und seine Umwelt zu bescheren. Es hat vielmehr die eminent soziale Aufgabe, andere Menschen von meinem Standpunkt zu überzeugen bzw. mein eigenes Handeln vor anderen Menschen zu rechtfertigen.

Nun ist die Fähigkeit, andere Menschen von meinem Standpunkt zu überzeugen, von unbestreitbarem und unschätzbarem Vorteil für mich. Es wird mir beispielsweise leichter fallen, andere Menschen zu finden, die sich für meine Interessen einsetzen. Außerdem könnte mir meine Überzeugungskraft auch gewisse Statusvorteile in der Gruppe bescheren – was mich wiederum attraktiver für das andere Geschlecht erscheinen lassen könnte. Kurzum: Es scheint überaus plausibel, dass ein besser ausgebildetes Vernünftelmodul evolutionäre Vorteile für das jeweilige Individuum verspricht.

Weiter macht es vor diesem Hintergrund offenbar Sinn, dass das Vernünftelmodul voreingenommen ist: Denn der Zweck des Moduls ist es ja, andere von meinem Standpunkt zu überzeugen – es wäre nachgerade kontraproduktiv, wenn es in mir selbst beständige Zweifel an meinem Standpunkt hervorrufen würde. Nicht ganz so offensichtlich ist aber zu sehen, warum das Vernünftelmodul auch faul sein sollte: Warum geben wir uns so schnell mit abwegigen oder schlechten Gründen für unseren eigenen Standpunkt zufrieden?

Merciers und Sperbers Erklärung der Faulheit ist ebenfalls einleuchtend. Der wesentliche Punkt ist hier, dass die natürliche Umgebung des Vernünftelmoduls die direkte soziale Interaktion ist: Es geht dem Vernünftelmodul immer darum, diese konkreten Menschen hier zu überzeugen – und der ökonomischste Weg ist sicherlich, erst einmal die offensichtlichsten Argumente auszuprobieren. Erst wenn – und falls überhaupt! – sich rationaler Widerstand regen sollte, wird sich das Vernünftelmodul mit diesen konkreten Einwänden näher befassen und Argumente suchen, die diese konkreten Einwände aus dem Weg räumen.

Aus dem Blickwinkel der Ökonomie betrachte man die Alternative zu diesem Vorgehen: Würde man im Vorfeld alle möglichen Einwände durchgehen, um sich auf alle diese Einwände mögliche Gegenargumente zurecht zu legen, so würde das nicht nur enorme kognitive Ressourcen fressen – es wäre sogar vollkommen unnötig, wenn sich meine Gesprächspartner bereits mit den offensichtlichen Argumenten überzeugen lassen! Vor dem Hintergrund begrenzter kognitiver und zeitlicher Ressourcen – und vor dem Hintergrund direkter sozialer Gesprächspartner! – ist es für das Vernünftelmodul also am effektivsten, voreingenommen und faul zu sein.

Die Urteilskraft: Schwach für eigene Argumente, stark für die Argumente des Gegners

Wäre das alles, was sich über das Vernunftvermögen des Menschen sagen ließe, so sähe das gezeichnete Bild überaus finster aus: Die Menschheit wäre im Wesentlichen ein Haufen voreingenommener und denkfauler Primaten, die sich gegenseitig auf möglichst plumpe Weise von ihrem eigenen Standpunkt überzeugen wollen. Wie konnten wir da überhaupt auf die Idee gekommen, ein Hohelied auf die Vernunft singen? Waren wir einfach alle so voreingenommen von unserer eigenen Brillanz?

Nun, das Schöne am myside bias innerhalb direkter sozialer Kontexte ist, dass die jeweilige Voreingenommenheit der Diskussionspartner den jeweils anderen im Verlauf der Interaktion dazu zwingt, immer bessere und bessere Argumente zu produzieren: Schließlich müssen wir in der Regel nicht irgendwelche willfährigen Marionetten überzeugen, sondern verbohrte, sture und eigensinnige Holzköpfe wie uns selbst.  

Darüber hinaus lautet aber der wahrhaft beruhigende Befund, dass wir in Bezug auf die Argumente des Anderen tatsächlich über so etwas wie Urteilskraft zu verfügen scheinen: Selbst wenn wir uns nicht immer und nicht sofort von guten Argumenten überzeugen lassen, scheinen wir doch insgesamt ein gewisses Gespür dafür zu haben, welche Argumente der Kontrahenten stark sind und welche der Argumente eher schwach sind. Und manchmal halten wir die Argumente eben für so stark, dass wir uns tatsächlich von ihnen überzeugen lassen.

Die Vernunft als emergentes soziales Phänomen

Alles in allem führen diese Effekte dazu, dass sich – wohlgemerkt: im Kontext eines direkten und freien Austauschs von Argumenten! – im dynamischen argumentativen Zusammenspiel von verbohrten und manipulativen Egoisten in der Gesamtschau so etwas wie ein vernünftiges Meinungsbild herausbildet, auf dem wir (!) die unterschiedlichen Positionen mit ihren jeweils stärksten Argumenten kartographieren können.

Mit einer von Ferne an Hegel gemahnenden dialektischen Wendung, die über Mercier und Sperber hinausweist, könnte man also sagen: Insofern es dieses vernünftige Meinungsbild ist, das uns so etwas wie einer objektiven Wahrheit am nächsten bringt, ist die Vernunft als Vermögen der rationalen Erkenntnis der Wahrheit kein Vermögen irgendeines einzelnen Individuums. Vernunft ist vielmehr ein emergentes soziales Phänomen, das sich nur vor dem Hintergrund und als Ergebnis freier und direkter Argumentation ergibt.

Schlussbemerkungen

Nehmen wir einmal an, Mercier und Sperber wären mit ihrer interaktionistischen Auffassung der Vernunft auf der richtigen Spur: Das Individuum allein ist vor allem zum voreingenommenen und faulen Vernünfteln begabt, während sich wahre Vernunft, also die Fähigkeit zur Erkenntnis der Wahrheit, im Allgemeinen erst im kollektiven und dynamischen Prozess der vernünftelnden Individuen offenbart. Was würde aus dieser Erkenntnis für uns folgen? Anders gefragt: Wie sähen entsprechende „Prinzipien der Vernunft“ aus, an denen wir uns orientieren könnten? Ich hätte da – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – fünf Vorschläge:

1. Unterschätze nicht die Macht deiner Intuitionen.

Wenn Sperber und Mercier Recht haben, dann gelangen wir nicht durch Begründen und Rechtfertigen zu unseren theoretischen Standpunkten und Auffassungen: Im Gegenteil stehen unsere Intuitionen und Standpunkte am Anfang unserer Überlegungen, und alle Überlegungen zielen vor allem darauf, diese Intuitionen und Standpunkte abzusichern. Unsere Intuitionen sind demnach überaus mächtig und bestimmen unbewusst all unsere Denkprozesse: Ob wir das nun töfte finden oder nicht.

2. Bedenke, dass du voreingenommen und faul bist.

Wir halten unseren Standpunkt häufig für den einzig richtigen, ja: den einzig vernünftigen. Das kommt in der Regel daher, dass wir in der Bewertung unserer Intuitionen voreingenommen und in der Bewertung unserer eigenen Begründungen faul sind. Rechne daher mit der Möglichkeit, dass deine Rechtfertigungen und Begründungen dumme Denkfehler enthalten können und möglicherweise nicht so hieb- und stichfest sind, wie sie dir erscheinen.

3. Bedenke, dass die anderen voreingenommen und faul sind.

Die anderen halten ihren Standpunkt häufig für den einzig richtigen, ja: den einzig vernünftigen. Das kommt in der Regel daher, dass sie in der Bewertung ihrer eigenen Intuitionen voreingenommen und in der Bewertung ihrer eigenen Begründungen faul sind. Rechne daher mit der Möglichkeit, dass die Rechtfertigungen und Begründungen anderer Menschen – selbst ausgewiesener Koryphäen oder Granden des Denkens – Denkfehler enthalten können und möglicherweise nicht so hieb- und stichfest sind, wie sie ihnen erscheinen.

4. Wissenschaftler sind nicht sakrosankt – aber sie sind den Laien um einige Schritte voraus.

Für den Wissenschaftler gilt zwar ebenfalls, dass er voreingenommen und faul ist – aber die wissenschaftliche Community ist alles in allem ein Haifischbecken, in dem Denkfaulheit auf lange Sicht nicht toleriert wird. Das bedeutet nicht, dass jeder Wissenschaftler richtig liegt mit dem was er sagt. Es bedeutet aber, dass er in der Lage ist, ein (mehr oder weniger umfassendes) vernünftiges, also argumentativ gestütztes Meinungsbild zu skizzieren – und es ist eben dieses Meinungsbild, das uns der Wahrheit näherbringt.

Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren. Peter Singer ist ein utilitaristischer Philosoph, der sich in seinem Buch Practical Ethics insgesamt dafür ausspricht, dass Abtreibung in vielen Fällen moralisch zulässig ist. Er geht allerdings auch auf Einwände und Gegenpositionen ein und versucht diese zu entkräften. Eines dieser Gegenargumente wurde von Don Marquis in seinem Paper „An Argument that Abortion is Wrong“ formuliert. Im Kern besagt es: Abtreibung ist, genau wie Totschlag, unter anderem deswegen moralisch verwerflich, weil es die getöteten Wesen einer Zukunft wie der unseren beraubt.

Ich möchte hier nicht das Für und Wider von Abtreibung erörtern, deswegen sei mir diese holzschnittartige Zusammenfassung der beiden Positionen, die viel differenzierter sind als es hier den Anschein haben mag, verziehen. Mein Punkt ist vielmehr folgender: Allein durch die Auseinandersetzung Singers mit Don Marquis war ich interessiert, den Aufsatz von Marquis im Original zu lesen – und ich war schließlich von Marquis‘ Argumentation überzeugter als von Peter Singer, da mir Singers Argumente gegen Marquis unterm Strich ziemlich schwach erschienen.

Aber eben das macht einen exzellenten Wissenschaftler aus: Er stellt nicht nur die Argumente für seine eigene Position dar, sondern er befasst sich auch mit den rivalisierenden Positionen anderer und versucht diese argumentativ zu entkräften. Insofern wir nun davon ausgehen können, dass er in der Auseinandersetzung mit der gegnerischen Position nur die stärksten Trümpfe zieht, können wir gewisse Rückschlüsse auf die Güte der gegnerischen Position ziehen, wenn uns diese stärksten Trümpfe nicht überzeugen.

Natürlich ist das keine Garantie dafür, dass Marquis im Recht und Singer im Unrecht ist. Erstens könnte Marquis meinen Intuitionen einfach mehr entsprochen haben, sodass unbewusst der myside bias zugeschlagen hat. Zweitens könnte Singer die besten Argumente übersehen oder seine eigenen Argumente falsch gewichtet haben. Aber warum auch immer ich mich letztlich eher auf die Seite von Marquis schlagen würde: Am Ende zählt vor allem das vernünftige Meinungsbild – und das kann ich über Umwege auch (und vielleicht sogar gerade) von Wissenschaftlern bekommen, mit denen ich am Ende des Tages nicht einer Meinung bin.

5. Beschäftige dich (zumindest hin und wieder) bewusst mit Menschen und Positionen, mit denen du nicht übereinstimmst.

Seien wir ehrlich: Am liebsten lesen wir Sachbücher oder Webseiten, die in gekonnter Weise etwas auf den Punkt bringen und entfalten, was wir selbst schon irgendwie geahnt haben. Wir lieben es zu sehen, wenn andere Menschen unserer Meinung sind – und unser faules Vernünftelmodul jubiliert, wenn es registriert, dass jemand anders ihm seine Arbeit abgenommen hat.

Falls wir aber an der Wahrheit interessiert sind, sollten wir zumindest hin und wieder die Anstrengung auf uns nehmen, Ansichten und Argumentationen zu rezipieren, von denen wir schon im Vorhineinglauben, dass wir sie nicht akzeptieren werden. Diametral entgegengesetzte Standpunkte können im besten Fall die größten Augenöffner sein und einen die Welt in einem völlig anderen Licht betrachten lassen. Und im schlimmsten Fall kann man sie immer noch zum Training des eigenen Vernünftelmoduls verwenden.

Weitere Vorschläge für „Prinzipien der Vernunft“ sind im Kommentarbereich gern gesehen!

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