In meinem letzten Blogeintrag habe ich dargelegt, warum das Streben nach Perfektion im Allgemeinen nicht zu verteufeln ist, sondern im Gegenteil einen lobenswerten Charakterzug darstellen kann. In diesem Blogeintrag möchte ich näher beleuchten, welche Faktoren dazu beitragen, dass das Streben nach Perfektion in einen potentiell krankmachenden Perfektionismus umschlägt.
Vom Soll zum Muss
In seinem Buch Perfektionismus gibt Raphael M. Bonelli schon mit dem Untertitel „Wenn das Soll zum Muss wird“ eine wertvolle Beschreibung des Umschlags von Perfektionsstreben in Perfektionismus an. Er erläutert die grundlegende Idee am sogenannten SOLL-IST-MUSS-Schema: Der Ist-Zustand beschreibt „die Realität des Betroffenen im Hier und Jetzt“ (S. 35). Der Soll-Zustand repräsentiert ein beliebiges Ziel, das der Betroffene sich selber setzt und im Ist-Zustand noch nicht erreicht hat.
Bonelli zufolge – und das unterscheidet ihn von vielen anderen Psychologen – darf dieses Ziel prinzipiell unerreichbar sein: „Wer keine hohen Ziele hat, keine hohen Ideale, keine ‚hohen persönlichen Standards‘, ist genau der bemitleidenswerte Spießer, den Nietzsche so verabscheut. […] Um das Mögliche zu erreichen, muss man das Unmögliche anvisieren.“ (S. 34-35)
Die grundlegende Frage ist nun, wie das Individuum mit dieser sich ergebenden Ist-Soll-Diskrepanz umgeht. Bonelli sieht im Wesentlichen drei idealtypische Möglichkeiten: 1. Der psychisch gesunde Mensch erkennt den Soll-Zustand als Orientierungshilfe und weiß, dass Verbesserungen nur schrittweise möglich sind. Er weiß außerdem, dass es nicht weiter tragisch ist, wenn das vom Soll-Zustand vorgegebene Ideal nicht vollumfänglich verwirklicht werden kann: Tragischer wäre es, sein Potential überhaupt nicht zu entfalten.
2. Der „finale Spießer“ (Bonelli) wirft angesichts der hohen Ziele das Handtuch und wurschtelt sich im Ist-Zustand durch, ohne weiter irgendeine Form von persönlichem Wachstum zu verfolgen. Das Problem, das Bonelli hier sieht, kann man mit einem Blick auf die Pflanzenwelt vergleichen: Ein Baum, der nicht mehr wächst, stirbt ab. Und ein Ist-Zustand, der nicht über sich hinauszuwachsen versucht, ist gleichfalls zum langsamen Siechtum verdammt. Anders ausgedrückt: Ein Mensch ohne Ziele wird sich immer mehr gehen lassen und sich so weiter von seiner Bestform (arete) entfernen.
3. Der krankhafte Perfektionist erträgt die Ist-Soll-Diskrepanz nicht und will den Soll-Zustand jetzt sofort verwirklichen. Er versteht den Soll-Zustand nicht als selbstgewählte Orientierungshilfe, sondern als eine Art kategorischen Imperativ: Du sollst nicht nur perfekt werden: Du MUSST perfekt SEIN – und zwar sofort.
In diesem Schema erkannte ich mich aus meiner Referendarszeit gut wieder: Die Anforderungen, die das Seminar an guten Schulunterricht gestellt hat, sollte ich nicht nur erfüllen – ich MUSSTE sie erfüllen – und zwar mit Bestnote. Dass das an meiner Schule nicht zu schaffen war, hat mich schließlich in die mittelschwere Depression getrieben und aus dem Schuldienst gedrängt. Hier spielen aber noch zwei zusätzliche Denkfehler hinein, die für eine gewisse Form des Perfektionismus typisch sind und die hier deshalb ebenfalls kurz angerissen werden sollen.
Alles-oder-Nichts-Denken
Beim Alles-oder-Nichts-Denken glaubt man, dass sich die Spannung zwischen Soll-Zustand und Ist-Zustand nur dadurch auflösen lässt, dass der Soll-Zustand vollumfänglich verwirklicht wird – anderenfalls sind alle weiteren Fortschritte, die man auf dem Weg zum Soll-Zustand gemacht hat, nichts wert.
Wenn man das so aufschreibt, stellt sich die Frage, wie man überhaupt darauf kommen kann, dass Alles-oder-Nichts-Denken sinnvoll ist. Und doch ist Alles-oder-Nichts-Denken irgendwie typisch menschlich. Ein Beispiel ist der innere Schweinehund, der häufig von Alles-oder-Nichts-Denken angetrieben wird. Prämisse 1: Ich möchte 10 Kilo abnehmen. Prämisse 2: Das schaffe ich eh nicht. Praktische Konklusion: Also mache ich gar keinen Sport.
Besser wäre es, sich einen konkreten Plan zu überlegen, wie man die 10 Kilogramm von der Hüfte weg bekommt, und sich dabei eine realistische Zeitvorgabe macht: Ich möchte beispielsweise in 3 Jahren 10 Kilo weniger wiegen. (So lange hat es nämlich gedauert, bis ich sie draufgefressen hatte.) Und dann überlegt man sich, wie man an das Problem herangeht: Süßigkeiten nur noch am Wochenende, jeden Tag eine halbe Stunde Sport, und so weiter – nur als Beispiel.
Man sieht jedenfalls sofort, wie das Alles-oder-Nichts-Denken für den krankhaften Perfektionismus charakteristisch ist: Die Spannung zwischen Soll- und Ist-Zustand MUSS sich lösen, und zwar vollumfänglich, und am besten jetzt gleich – mit anderen Worten: Das Soll wird zum Muss.
Katastrophisieren
Beim Katastrophisieren geht man davon aus, dass bestimmte Ereignisse katastrophale Folgen für einen selbst oder andere haben würde. Beispiel: „Wenn ich mit meinem Dickbauch ins Freibad gehe, glotzen mich alle an, und das wäre ganz furchtbar.“ Die Übergänge zum Alles-oder-Nichts-Denken sind hierbei fließend. Beispiel: „Wenn ich mein Referendariat nicht mit Bestnote schaffe, bin ich ein Versager – und das wäre ganz furchtbar.“
Oft ist Katastrophisieren mit Selbstwertproblemen verquickt, wie im letzten Beispiel: Man definiert seinen Selbstwert beispielsweise über die berufliche Leistung, und wenn die ausbleibt, ist man nichts wert – und das ist ganz furchtbar.
Oft lässt sich dem Katastrophisieren Wind aus den Segeln nehmen, indem man durch Gegenfragen der Katastrophe auf den Grund geht, etwa: „Warum wäre es furchtbar, wenn dich alle Leute anglotzen?“ – „Weil sie sich für mich fremdschämen.“ – „Und warum wäre es furchtbar, wenn sie sich über dich fremdschämen?“ – „Das wäre mir peinlich.“ – „Und was wäre so furchtbar daran, wenn dir etwas peinlich ist? Es wäre etwas unangenehm, ja – aber furchtbar ist doch übertrieben.“
Es kann auch helfen, eine vermeintliche Katastrophe bewusst herbeizuführen, um zu sehen, ob das wirklich so schlimm wäre. Man könnte beispielsweise ins Freibad gehen und untersuchen, ob man wirklich von allen angeglotzt wird. Man wird dann manchmal feststellen, dass schon das katastrophale Ereignis überhaupt nicht eintritt – in diesem Fall, weil sich die Menschen in der Regel weniger für einen interessieren als man glaubt.
Man könnte noch viel mehr zum Katastrophisieren schreiben. Es fällt jedenfalls auch hier ins Auge, wie gut sich das Katastrophisieren mit dem Perfektionismus verträgt: Ich halte die Spannung zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand nicht aus, und wenn das noch lange so weiter geht, wäre das ganz furchtbar – also muss ich jetzt sofort etwas tun, um den Soll-Zustand zu verwirklichen.
Man übersieht hierbei aber, dass es zutiefst menschlich ist, sich nach dem Erreichen alter Ziele neue Ziele zu setzen – man sich also nach Überwindung der Soll-Ist-Diskrepanz sogleich eine neue Soll-Ist-Diskrepanz setzt. Deswegen läuft der Perfektionist also immer vor sich selber weg – denn mit der Diskrepanz kann er nicht leben, aber ohne sie auch nicht. Eine wirklich tragische Figur, der Perfektionist.
In einem solchen Blogeintrag kann ich der Thematik Perfektionismus natürlich nicht gerecht werden. Wer in dieser Richtung weiterdenken will, dem rate ich auf jeden Fall zu Raphael M. Bonellis Buch Perfektionismus, das für meine Persönlichkeitsentwicklung ein echter Gewinn war.