Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke, gibt es offen gestanden wenig, was ich zutiefst bereue oder bedauere. Natürlich war das Mathestudium gewissermaßen eine Sackgasse – aber in keinem anderen Studium hätte ich mich so eingehend mit der Theorie und Praxis des logischen Denkens auseinandergesetzt. Auch das Lehramtsstudium hat mich nicht in eine sichere und zufriedenstellende berufliche Laufbahn geführt – aber ohne die Illusion einer sicheren Berufsaussicht hätte ich niemals gewagt, Philosophie zu studieren. Und Philosophie zu studieren hat so viel Spaß gemacht – wie sollte ich das jemals bereuen können?!
Gleichwohl gibt es in Anbetracht meiner diversen Krankheitsphasen einige Ratschläge, die ich meinem früheren Ich gerne mit auf den kurvigen und holprigen Lebensweg gegeben hätte. Gar nicht zu dem Zweck, den Weg weniger kurvig und holprig zu gestalten, sondern vielmehr zur Vorbereitung auf eine bevorstehende Achterbahnfahrt: Denn wenn man weiß, dass man im Begriff ist, Achterbahn zu fahren, kann man der Fahrt selbst sicherlich mehr Positives abgewinnen, als wenn man glaubt, man würde in eine harmlose und behagliche Bimmelbahn steigen.
Mir selbst werden meine Ratschläge natürlich nicht mehr viel bringen – und ob meine Ratschläge für viele andere Personen nützlich sind, wage ich nicht zu beurteilen. Aber ich stelle sie einfach mal in den luftleeren Raum: Wer weiß, wozu es gut ist?
Erkenne dich selbst.
Der Spruch „Erkenne dich selbst“ geht auf die griechische Antike zurück und wurde traditionell dem Gott Apollo zugeschrieben. Wir können ihn auf zwei Weisen lesen. In der einen Deutung verweist der Spruch auf die Erkenntnis deiner metaphysischen, spirituellen Existenz und damit auf ein grundlegendes und meines Erachtens kulturübergreifend virulentes religiöses Mysterium. In der anderen Deutung verweist der Spruch profaner auf die Erkenntnis deiner psychophysischen Beschaffenheit als individueller menschlicher Organismus.
Es geht mir nicht darum, die eine Deutung gegen die andere auszuspielen: Ich denke, dass die Größe des Spruchs gerade daher rührt, dass beide Deutungen zugleich mitschwingen. Meinem früheren Ich möchte ich aber den Ratschlag geben, die scheinbar oberflächlichere Bedeutung der psychophysischen Beschaffenheit nicht zu vernachlässigen: Die Erkenntnis der metaphysischen Existenz wird so allgemein sein, dass du dich selbst aus dem Blick verlierst, wenn du ihr zu lange nachstöberst. Fange doch erst einmal damit an, dich selbst als Individuum zu erkennen. Die weitergehende Erkenntnis des Mysteriums läuft dir nicht weg.
Erkenne deine Big Five
Das derzeit anerkannteste psychologische Modell der Persönlichkeit ist das sogenannte Big Five-Modell. Demnach lassen sich fünf Dimensionen der Persönlichkeit ermitteln, die über die Lebenszeit hinweg relativ stabil ausgeprägt, also nur geringen Änderungen unterworfen sind. Daraus sollte man nicht den Schluss ziehen, dass diese Big Five dein individuelles Wesen vollständig widerspiegeln. Aber sie können ein Anfang für die Selbsterkenntnis sein. Mach doch einfach mal diesen Test.
Für mich selbst ergeben sich aus dem Test folgende Hinweise:
1. Ich bin in sehr ausgeprägter Weise gewissenhaft, das heißt, ich neige zu planvollem, man könnte auch sagen: pedantischem Handeln; ich mag daher Ordnung und Genauigkeit, neige aber auch zu Perfektionismus.
2. Ich bin ausgeprägt sozial verträglich, das heißt, ich neige eher zu streitvermeidendem Verhalten und bin gegenüber anderen Menschen im Allgemeinen höflich und diplomatisch.
3. Meine Offenheit für neue Erfahrungen rangiert insgesamt im Mittelfeld, allerdings dürfte das ein statistisches Artefakt sein: Ich bin nämlich enorm offen was neue Ideen oder Theorien angeht, also für die „Erfahrungen des Geistes“ – umgekehrt bin ich allerdings neuen Erfahrungen in der „wirklichen Welt“ ziemlich versperrt und mag dort eher meine Ruhe und Routinen.
Dass ich insgesamt mittelmäßig offen bin, ist also eine ähnlich akkurate Beschreibung meiner Persönlichkeit wie der Satz „Das Wasser in den Schüsseln ist herrlich körperwarm“, wenn das Wasser in der einen Schüssel eiskalt und in der anderen Schüssel brühend heiß ist.
4. Ich bin sehr ausgeprägt introvertiert, ich bin also sehr still und in mich gekehrt und brauche wenige Freunde oder Abwechslung um glücklich und zufrieden zu sein.
5. Ich bin ausgeprägt neurotisch, das heißt, ich neige zu Unruhe, Nervosität oder Ängstlichkeit und bin daher weniger belastbar als andere.
6. Was meine Grundbedürfnisse angeht, habe ich ein sehr schwach ausgeprägtes Bedürfnis nach Einfluss und Macht, aber dafür ein sehr starkes Bedürfnis sowohl nach Anerkennung als auch nach Sicherheit.
Deine Persönlichkeit ist wie ein Gummiband
Man sollte nun nicht denken, dass sich aus dieser Skizze meiner Persönlichkeit umstandslos herleiten lässt, wie ich in jeder einzelnen Situation handeln werde. In ihrem Buch Quiet, das ich als sehr ausgeprägt introvertierte Persönlichkeit schon viel früher hätte lesen sollen, vergleicht Susan Cain die Persönlichkeit mit einem Gummiband (ebd., S. 118): Mit etwas Anstrengung kann ich meine Persönlichkeit dehnen und beispielsweise offen auf wildfremde Menschen zugehen, kognitiv Einfluss auf meine Unruhe oder Ängstlichkeit nehmen, oder bei einem geschriebenen Text auch mal Fünfe gerade sein lassen und nicht jede Formulierung hin und her wälzen.
Wohlgemerkt: Mit Anstrengung geht das. Aber das bedeutet freilich, dass man erstens nach der Anstrengung eine gewisse Zeit der Regeneration braucht – und dass zweitens die Persönlichkeit wieder in die Ruheposition zurückschnappt, sobald die Anstrengung wieder nachlässt. Ein zweiter schöner Zug der Metapher besteht darin, dass man sich auch psychisch überanstrengen kann, indem man beispielsweise versucht, ein dauerhaft völlig anderer Mensch zu werden: Dann kann es bei zu großer und langanhaltender Kraftanwendung passieren, dass das Gummiband der Persönlichkeit komplett reißt und man depressiv wird, Panikattacken bekommt, oder sonstige psychische Blessuren davonträgt.
Deine Persönlichkeit ist wie ein Elefant
Man könnte es mit einem adaptierten Bild von Jonathan Haidt auch so ausdrücken: Du bist der Reiter auf einem Elefanten, und deine Persönlichkeit zeigt dir die grobe Richtung an, in die sich dein Elefant bewegen würde, wenn du keinerlei Einfluss auf den Elefanten nehmen würdest. Als Reiter kannst du nun auf mehr oder weniger freundliche Weise Einfluss auf den Elefanten nehmen und so dafür sorgen, dass er sich (situationsabhängig) in die Richtung bewegt, die dir genehm ist. Aber wenn du ihn zu gewaltsam malträtierst und drangsalierst, damit er fortwährend in die immergleiche Richtung reitet, wird er früher oder später unweigerlich stinkig werden und wird versuchen dich abzuwerfen: Depressionen, Panikattacken, et cetera.
Dimensionen der Persönlichkeit sind normativ besetzt
Schauen wir uns nun die Persönlichkeitsdimensionen genauer an, so stellen wir schnell fest, dass einige Persönlichkeitsdimensionen deutlich erwünschter zu sein scheinen als andere. Gewissenhaftigkeit und planvolles Vorgehen erscheinen wünschenswerter als Ungenauigkeit und Schlendrian. Soziale Verträglichkeit erscheint wünschenswerter als Streitlust und Konfrontation. Offenheit für Neues erscheint wünschenswerter als ein Beharren auf Routinen und Altbewährtes. Extrovertiertheit erscheint wünschenswerter als Introvertiertheit. Und emotionale Stabilität erscheint ganz offensichtlich als Vorzug gegenüber Ängstlichkeit und Neurotizismus.
Insgesamt erhalten wir damit ein Idealbild der Persönlichkeit: Der ideale Mensch ist gewissenhaft, extrovertiert, sozial verträglich, emotional stabil und offen für Neues. Wer von diesem Ideal abweicht, erscheint in der einen oder anderen Hinsicht mithin als Mängelexemplar – und an Fehlern muss man arbeiten, richtig?
Richtig!
Also kauft man sich Ratgeber- und Selbsthilfeliteratur, dehnt und dehnt sein Gummiband, schlägt und beschimpft den Elefanten – und macht sich am Ende des Tages dann Vorwürfe, dass man trotz allem ein Mängelexemplar bleibt. Getrieben durch diese Selbstvorwürfe ist man dann eventuell geneigt, den Drang zur Selbstverbesserung so sehr auf die Spitze zu treiben, dass die Psyche ernsthaften Schaden nimmt: Depressionen, Panikattacken, und so weiter – wir erwähnten es bereits.
Wir wollen nun einen anderen Weg einschlagen, der weniger auf Selbstverbesserung abzielt, als vielmehr auf die Zertrümmerung der normativen Ansprüche an die eigene Persönlichkeit – mit anderen Worten: Wir wählen den Weg des negativen Denkens.
Alle Persönlichkeitsdimensionen sind – normativ betrachtet – zweischneidige Schwerter
Es soll nun gar nicht darum gehen, den Idealmenschen als wahres Mängelexemplar und das Mängelexemplar als wahren Idealmenschen zu erweisen – das wäre schlecht negativ gedacht! Im ersten Schritt geht es vielmehr darum, sowohl das Schlechte im vermeintlichen Idealmenschen als auch das Gute im vermeintlichen Mängelexemplar aufzudecken.
Pedanterie versus Pragmatismus
Der gewissenhafte Pedant liebt seine routinemäßigen Vorgehensweisen und planmäßigen Abfolgen, und das ist ja auch schön und gut – wenn, ja, wenn auch wirklich alles nach Plan läuft! Aber was ist, wenn einmal etwas Unerwartetes passiert und die Pläne und Routinen nicht mehr greifen? Tja, dann sitzt der Pedant da und weiß weder aus noch ein. Vermutlich sucht er sich irgendeinen Vorgesetzten, auf den er die Verantwortlichkeit abwälzen kann – oder einen vermeintlich schludrigen Pragmatiker, der sich sowieso nicht an die Regeln hält und aus dem Bauch heraus das tut, was er für richtig erachtet. Und dieses intuitive Handeln ist in unvorhergesehenen Fällen vermutlich die bessere Wahl als das pedantische, von Überforderung gekennzeichnete Nichtstun.
Soziale Verträglichkeit versus Konfliktfreudigkeit
Der sozial verträgliche Mensch liebt die Konfliktfreiheit und den Kuschelkurs, und das ist ja auch schön und gut – wenn, ja, wenn die herrschenden Verhältnisse nicht von Konflikten und Widerständen geprägt sind! Aber was ist, wenn die Verhältnisse schreiend ungerecht sind? Was ist, wenn die Herrscher einfach tun was sie wollen und ihr Volk hemmungs- und erbarmungslos unterdrücken? Wünschen wir uns dann sozial verträgliche Duckmäuser und Arschkriecher? Oder braucht es dann nicht streitlustige und konfliktliebende Individuen, die sich gegen Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch erheben?
Neurotizismus versus Blauäugigkeit
Der emotional Stabile lässt sich von Gefahren und Risiken nicht beeindrucken und lebt blauäugig und guter Dinge vor sich hin. Das ist ja auch schön und gut – wenn, ja, wenn nicht tatsächliche Gefahren drohen, für die sich der emotional Stabile und Blauäugige in seinem gut gelaunten Status Quo als völlig blind erweist! Dann schlägt die große Stunde des Neurotikers, dessen persönlich unangenehme, aber gesellschaftlich notwendige Aufgabe vielleicht eben darin besteht, seine Umgebung auf jene Gefahren und Risiken aufmerksam zu machen, für die sein Sensorium schlicht viel sensibler ist als das der Blauäugigen. Natürlich will man persönlich immer noch kein Neurotiker sein – als emotional stabile Persönlichkeit lebt es sich sicher deutlich angenehmer. Doch wie heißt es so schön: It’s a dirty job, but someone’s got to do it.
Engstirnigkeit und Introversion: Wo ist das Problem?
Auf Offenheit für neue Erfahrungen und Extroversion gehe ich im nächsten Abschnitt genauer ein. An dieser Stelle nur folgende erste Anregung: Warum erscheint uns Offenheit für neue Erfahrungen überhaupt als positiv? Was ist so schlecht daran, das Altbewährte und die Routine zu suchen und zu schätzen? Und warum erscheint uns Extroversion als etwas Positives? Warum sollte es besser sein, sich mit vielen Menschen zu umgeben als mit wenigen Menschen? Auf den ersten Blick ist für mich gar kein rationaler Grund erkennbar, warum das eine besser als das andere sein sollte. Und das liefert uns ein Indiz dafür, dass hier eine gesellschaftlich bedingte, normative Illusion vorliegt.
Das vorherrschende Persönlichkeitsideal als gesellschaftlich notwendiger Schein
In diesem Abschnitt gehen wir einen Schritt weiter und versuchen uns an dem Aufweis, dass das vorherrschende Persönlichkeitsideal mit den Worten Adornos ein gesellschaftlich notwendiger Schein ist. Die Grundüberlegung hierbei besteht in der These, dass jede Gesellschaft sich die für ihr eigenes Überleben passenden Ideologien ausbildet, die sie wiederum durch Sozialisationsprozesse ihren Mitgliedern aufprägt und sich auf diesem Wege eine möglichst große Zahl gesellschaftstauglicher Individuen heranzüchtet, die ihrerseits für den Erhalt der bestehenden Gesellschaftsstruktur sorgen. (Alles klar? Den Satz muss man vielleicht mehrmals lesen…)
Gehen wir also die einzelnen Ideale vor diesem Hintergrund einmal durch: Inwiefern passen sie zu unserer westlichen, (neo-)liberalen und kapitalistischen Gesellschaft?
Extroversion: Ein eindeutig gesellschaftlich bedingtes Ideal
Das allzeit gesellige, immerzu netzwerkende Kommunikationstalent ist so offensichtlich eine spätmoderne und dezidiert westliche Lichtgestalt, dass man gar nicht viele Worte darüber verlieren muss. Bis heute sind uns alte Sprichwörter überliefert, die gerade einen Rückzug aus den sozialen Geschäften als wahrhaft lobenswert preisen: Stille Wasser sind tief! Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben! Und bis heute zumindest unter Datingratgebern immer noch populär: Willst was gelten? Mach dich selten!
Mit diesen Sprichwörtern im Hinterkopf verwundert es nicht, dass sich das Ideal des extrovertierten Netzwerkers gar nicht über den gesamten Erdball ausgebreitet hat. Wie Susan Cain bemerkt, ist etwa in asiatischen Kulturen – selbst bei asiatischen Einwanderern in die USA – bis heute das Ideal des introvertierten und schweigsamen Weisen weit verbreitet. (Vgl. Quiet, Kapitel 8.) Wir erkennen also: Ob Introversion oder Extroversion das Ideal des Menschen charakterisiert, ist zeit- und kulturabhängig. Damit liegt aber die Vermutung nahe, dass weder Introversion noch Extroversion wirklich ein Mangel sind. Extroversion ist einfach das, was sich diese Gesellschaft wünscht und was sie entsprechend bevorzugt behandelt.
Eine gesellschaftliche Funktion der Extroversion im liberalen Westen
Der Frage, wie und warum Extroversion zu einem so herausragenden Ideal des kapitalistischen Westens geworden ist, geht auch Susan Cain nach, sodass ich für eine erste Annäherung an die Frage wiederum auf Quiet verweise (Kapitel 1 und 2). An dieser Stelle möchte ich nur auf eine gesellschaftliche Funktion der Extroversion hinweisen, nämlich die leichtere Regierbarkeit vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Freiheit.
Die leichtere Regierbarkeit extrovertierter Menschen ergibt sich schlicht aus dem Umstand, dass man bei extrovertierten Menschen in der Regel weiß, was in ihnen vorgeht. Sie sind, im Unterschied zum Introvertierten, kein verschlossenes Buch, vor dem man Angst haben muss, wenn es seinen Mund öffnet, weil es sich seine eigenen und möglicherweise abwegigen bis umstürzlerischen Gedanken macht.
Beim Extrovertierten hingegen weiß man, was man hat – und daher weiß man auch, wie man ihn zu nehmen hat. Man kann sich daher psychopolitische Strategien überlegen, wie man mit ihm umgehen muss. Beim Introvertierten geht das nicht so gut, weil man nicht weiß, was in ihm eigentlich vorgeht und welche Wirkungen die Regierungsstrategien auf ihn und sein Denken und Fühlen haben. Knickt er ein? Radikalisiert er sich? Wir wissen es nicht. Der Introvertierte bleibt stumm. Und das macht potentiell Angst. Jedenfalls dann, wenn man ihn beherrschen will.
Damit möchte ich nicht sagen, dass es eine irgendwie geartete Verschwörung der Herrschenden gibt, die den Extrovertierten preist und den Introvertierten verdammt. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass Extrovertiertheit und Regierbarkeit vor dem Hintergrund einer freiheitlich-individualistischen Herrschaftsform einfach gut zusammenpassen. Und es ist deshalb nicht verwunderlich, dass in einer kollektivistischen und weniger freiheitlich organisierten Gesellschaft wie China der Introvertierte weiter einen angesehenen Status genießen kann – wobei man freilich auch dort durch digitale Überwachungstechniken versucht, hinter seine stumme Fassade zu blicken. Doch das ist ein anderes Thema.
Soziale Verträglichkeit: Das Überlebenselixier der herrschenden Klasse
Verglichen mit diesem vielleicht etwas abwegigen Zusammenhang zwischen Extroversion und Regierbarkeit ist es klar wie Kloßbrühe, dass auch die soziale Verträglichkeit der Individuen ganz im Sinne der herrschenden Klasse ist: Denn wer sozial verträglich ist, wird nie gegen die herrschende Klasse opponieren – und wenn doch, dann nur gewaltfrei wie Gandhi, was immerhin keine bleibenden Blessuren im Gesicht der Herrscher zurücklässt. Ist doch supi!
Offenheit für neue Erfahrungen: Das Schmiermittel des kapitalistischen Wachstumsmotors
Die Offenheit für neue Erfahrungen und vor allem Gadgets ist natürlich gerade im kapitalistisch orientierten Westen, das für sein Überleben auf stetiges Wirtschaftswachstum und technische Innovationen angewiesen ist, in eminenter Weise wünschenswert: Denn an wen sollte man seine ganzen tollen innovativen Produkte denn verkaufen, wenn alle im Großen und Ganzen zufrieden wären mit dem, was sie haben?
Neugierde ist daher bei uns nicht nur ein Trait unter vielen: Er ist das Schmiermittel der herrschenden Marktwirtschaft. Ohne den Wunsch nach Neuem würde der kapitalistische Wachstumsprozess überlebensbedrohlich ins Stocken geraten. Weshalb jede Werbung vor allem darauf abzielt, mit allen erdenklichen Tricks und Kniffen in uns den Wunsch nach Neuem zu wecken. Und die Notwendigkeit der Neugier für das Überleben des Kapitalismus ist vermutlich auch ein wesentlicher Grund dafür, dass eine so offensichtlich verlogene und manipulative Praxis wie massenmediale Werbung in unserer der Wahrheit verpflichteten Gesellschaft überhaupt erlaubt ist. Aber das ist ein anderes Thema.
Gewissenhaftigkeit: Das Schmiermittel der bürokratischen Megamaschine
Auch der Charakterzug der Gewissenhaftigkeit passt nur zu gut in den herrschenden Zeitgeist, der das Dogma der Planbarkeit über alle Verhältnisse geworfen hat: Zeitgleich mit dem Aufkommen der Maschinen, die zur Freude aller im immer gleichen vorhersehbaren Takt den zuvor berechneten Output produzieren konnten, scheint sich in vielen Köpfen die Idee durchgesetzt zu haben, dass auch aus menschlichen Organismen das Maximum herausgeholt werden könnte, wenn es nur gelänge, sie einem maschinengleichen, planbaren Takt zu unterwerfen – und die offensichtlichste Methode zu diesem Behuf ist natürlich die, dass man sie wie Maschinen behandelt und von ihnen maschinengleiche Ergebnisse erwartet.
Anstatt zu versuchen, diese Entwicklung anhand vieler Belege in einem großen Narrativ darzustellen, werfen wir ein kurzes Schlaglicht auf die Entwicklung des Schulwesens. Gab es früher noch die Vorstellung, dass Schulen unsere Kinder zu erwachsenen und mündigen Individuen, zu gebildeten Persönlichkeiten heranziehen sollen, herrscht heutzutage das Paradigma vor, dass es um die Vermittlung von Kompetenzen geht: Das heutige Bildungsziel ist demnach bereits dann erreicht, wenn die Schüler auf Abruf über gewisse ministerial vorgegebene Fähigkeiten verfügen. Bildung heißt also nicht mehr: Etwas werden, sondern: Etwas können, und zwar – selbstredend! – auf Befehl. Am besten tun die Eleven das ohnehin Verlangte auch noch mit Freude oder gar Eigeninitiative – das nennt sich dann Handlungskompetenz.
Wenn es nun aber darum geht, Kompetenzen zu erlernen, dann müssen diese Kompetenzen natürlich auch lehrbar sein – und das bedeutet, dass die zu vermittelnden Fähigkeiten im Prinzip in einzelne Teilschritte zerlegbar sein müssen, die vom Heranwachsenden einfach der Reihe nach abgearbeitet werden können. Diese Teilschritte wiederum nennt man dann Teilkompetenzen und erstellt ganz wunderbare Listen von dutzenden fein aufgesplitterten Teilkompetenzen, die ein Kind in einem Schuljahr zu lernen hat. In einem einzigen Fach, wohlgemerkt. Für ein solches Pensum ist natürlich von Lehrern und Schülern ein gerüttelt Maß an Gewissenhaftigkeit gefragt, nicht wahr?!
Das durch das Bildungssystem verstetigte Ideal der Extroversion
Übrigens: Das derzeitige Bildungssystem mit seinem hohen Stellenwert der mündlichen Beteiligung sorgt natürlich auch für eine Verfestigung des Extroversions-Ideals. Extrovertierte Kinder lernen schnell, dass es eigentlich relativ egal ist, was man sagt: Allein die Tatsache, dass man sich mündlich beteiligt, sorgt für mindestens akzeptable Noten – sie können also einfach so sein, wie sie sind.
Introvertierte haben demgegenüber einen schwereren Stand: Sie müssen entweder für die Dauer des Unterrichts unter zusätzlicher Anstrengung ihr eigenes persönliches Gummiband dehnen, oder alternativ nicht nur gute Klausuren schreiben, sondern auch auf Abruf gute Beiträge leisten – und dann noch Glück haben, dass sie einen Lehrer erwischen, der der Auffassung ist, dass Schüler wegen ihrer Introversion nicht diskriminiert werden sollten. Gerade letzteres ist allerdings bis heute eher die Ausnahme als die Regel – vielleicht auch, weil Lehrer aus offensichtlichen Gründen in der Regel selbst extrovertierte Persönlichkeiten sind.
Emotionale Labilität: Sand im Getriebe der kapitalistischen Megamaschine
Wie schon besprochen ist emotionale Labilität schon individuell eine eher leidvolle Sache, sodass emotionale Stabilität bereits von dieser Warte aus als ideales Wunschbild erscheint. Aber trotz seines potentiellen Nutzens für die Gemeinschaft wird der emotional Labile von den emotional Stabilen gemieden: Seine aus der Labilität gespeisten Sorgen und Ängste werden als bloße Einbildung oder per se als individuelles psychisches Problem abgetan, das durch Therapien oder sonstige Hilfsmittel geheilt werden müsste.
Und auch hier erfüllt die Nichtbeachtung der emotional Labilen eine gesellschaftliche Funktion: Denn welche Folgen hätte es, wenn man auf die Warnungen und Ängste des Labilen hört? Man müsste das Handeln unterbrechen, Nachdenken, andere Pläne schmieden, diese wiederum prüfen – und in dieser ganzen Zeit steht die Produktion still? Wir machen gar nichts? Das geht natürlich nicht: Wir haben schließlich Wachstum zu generieren, da ist jeder Handlungsstillstand bloß Sand im Getriebe! Und schließlich läuft doch seit zweihundert Jahren alles supi – warum sollten wir daran etwas ändern? Wir müssen einfach nur immer mehr Wachstum generieren, dann, ja, dann wird alles gut…
Das Persönlichkeitsideal und der neoliberale Kapitalismus: Gleich und gleich gesellt sich gern
Wir fassen zusammen. Das Persönlichkeitsideal des gewissenhaften, sozialverträglichen und extrovertierten Netzwerkers, der emotional stabil und stets offen für Neues ist, erfüllt in unserer freiheitlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung eine wichtige Funktion: Es ist das Ideal, an dem sich die Individuen orientieren sollen, damit sich die herrschende Ordnung möglichst ungehindert perpetuieren kann. Wer nicht in dieses Ideal passt, ist eine potentielle Bedrohung für die gesellschaftliche Ordnung und damit ein Problem.
Um es noch einmal zu betonen: Es geht mir hier in keiner Weise um die Beschreibung einer bewussten Verschwörung der herrschenden Klasse. Es geht vielmehr um die Beschreibung soziologischer Prozesse, die sich gewissermaßen hinter dem Rücken der einzelnen Akteure durchsetzen. Eine Verschwörung ohne Verschwörer, wenn man so will.
Letzte Worte an mein jüngeres Ich
Kommen wir zurück zum Anfang: Was würde ich meinem jüngeren Ich gerne mit auf den Weg geben?
Nun, liebes jüngeres Ich, ich würde dir als erstes dazu raten, dich als das zu akzeptieren, was du bist, und dich von jeglichen gesellschaftlich vermittelten Normvorstellungen hinsichtlich deiner Persönlichkeit zu verabschieden: Sie spiegeln keine objektiv gültigen Idealvorstellungen wider, sondern lediglich die für den Fortbestand der hiesigen bestehenden Gesellschaftsordnung wünschenswerteste Persönlichkeit. Mit einer an Kant erinnernden Wendung ausgedrückt: Das hiesige Ideal der Persönlichkeit ist kein Zweck an sich, sondern lediglich ein Mittel zum Zweck der Erhaltung des gesellschaftlichen Status Quo.
Weiter würde ich dir den freundlichen Hinweis geben, dass der Erhalt des gesellschaftlichen Status Quo ein schlechter Zweck ist: Steuert doch die auf den Erdball ausgedehnte kapitalistische Wirtschaftsordnung unsere gesamte Biosphäre ziemlich zielsicher in den Abgrund. Wie auch immer man diesen nahenden Untergang aufhalten will: Sich mit der herrschenden Ordnung gemein zu machen wird zu diesem Zweck nichts beitragen.
Drittens – und damit kommen wir wieder auf die Achterbahn zurück – wird ein oppositioneller Weg in keinem Fall eine gemütliche Bimmelbahnfahrt werden, sondern eher eine wilde und unvorhersehbare Achterbahnfahrt: Denn wenn du dich nicht mit der Gesellschaft gemein machen willst und kannst, wirst du von ihr im Gegenzug natürlich keinen Dank erwarten können. Freilich wird es dir daher auch schwerfallen, einen sicheren und behaglichen Platz in ihr zu finden. Erwarte also nicht, dass deine Bedürfnisse nach Sicherheit und Anerkennung von der Gesellschaft erfüllt werden.
Gerade der letzte Ratschlag wird dir überhaupt nicht schmecken – daher darf ich dich zum Abschluss ermutigen, dich ruhig auch mit der anderen Form der Selbsterkenntnis zu befassen, um von deinen Bedürfnissen nach Sicherheit und Anerkennung einen gewissen Abstand zu gewinnen. Das wird vielleicht nicht dauerhaft gelingen – das Gummiband schnappt schließlich immer wieder zurück. Aber vielleicht hilft es dir durch die gröbsten und schwierigsten Zeiten hinweg.
In diesem Sinne empfehle ich dir zum Abschied diesen Clip des in den 90er Jahren verstorbenen Comedians Bill Hicks – wohlwissend, dass du den zum Glück bereits kennst. Auch wenn es manchmal anders aussehen mag: Du bist auf einem guten Weg. Enjoy the ride.