Kategorien
Philosophie Willensfreiheit

Eine neue Definition der Willensfreiheit

Meine letzten Blogeinträge dienten vornehmlich der Eigentherapie: Ich beschäftigte mich vornehmlich mit meinem Perfektionsstreben und meinem Wunsch, etwas Bedeutendes zu schaffen. Bisher ist mir noch unklar, worin eine bedeutende Leistung besteht – entsprechend unklar ist, was für eine konkrete bedeutende Leistung mir vorschwebt. In diesem Blogeintrag versuche ich dennoch eine inhaltliche Antwort: Meine vielleicht bedeutendste Leistung besteht in einer – soweit ich sehe – neuen Definition der Willensfreiheit. Diese Definition lautet so:

Definition der Willensfreiheit

Der freie Wille eines Lebewesens besteht in seiner Fähigkeit zur Modifikation seines Handlungsspielraums.

Erläuterung der Definition

In diesem Blogeintrag werde ich die Definition kurz erläutern und dadurch hoffentlich erhellen. Warum ich die Definition für bedeutend halte, werde ich in einem kommenden Blogeintrag klären, in dem ich die Vorzüge der Definition darstellen möchte.

Was ist eine Fähigkeit?

Ich verwende den Begriff Fähigkeit in keiner theoretisch geprägten Weise, sondern vortheoretisch nach dem Alltagsgebrauch. Paradigmatische Beispiele für Fähigkeiten sind demnach Fahrradfahren, Klavier spielen, Lesen oder Schwimmen.

Fähigkeiten sind in der Regel nicht angeboren, sondern müssen erlernt werden – selbst so basale Fähigkeiten wie Sehen. Angeboren ist höchstens das Potential zum Fähigkeitserwerb – wer blind geboren wird, kann auch nicht Sehen lernen. Im Moment fällt mir kein Beispiel für eine Fähigkeit ein, die angeboren wäre. Vorschläge gerne in den Kommentarbereich.

Entsprechend gilt jedenfalls für die Willensfreiheit, dass sie wesentlich eine erlernbare Fähigkeit darstellt: Ein Lebewesen kommt nicht mit ihr auf die Welt, sondern erlernt sie im Laufe seines Lebens – wenn überhaupt.

Was verstehe ich unter Handlungsspielraum?

Der Handlungsspielraum bezeichnet die Klasse derjenigen Handlungen (oder Handlungstypen), die dem Lebewesen physikalisch möglich sind. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, von einer Handlung anzugeben, ob sie physikalisch möglich ist oder nicht. Leitend für die Begriffsbildung ist mir die Vorstellung des physikalisch Möglichen, die durch die Quantentheorie in die Naturwissenschaft eingeführt wurde.

Im Doppelspaltexperiment lässt sich beispielsweise keine determinierte Bahn vorhersagen, die ein Teilchen durchlaufen würde. Vielmehr können wir nur die Orte des Aufpralls des Teilchens auf dem Detektorschirm mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit vorhersagen: An einigen Orten treffen die Teilchen am häufigsten auf, an anderen Orten treten sie nie auf, und dazwischen treffen sie seltener auf, sodass sich ein Wellenmuster ergibt.

Zwischen Abschuss und Aufprall des Teilchens, könnte man sagen, befindet sich das Teilchen weder hier noch dort – suggestiv gesprochen befindet es sich vielmehr im Raum des physikalisch Möglichen. Diesen Raum möchte ich für das Problem der Willensfreiheit philosophisch erschließen: Denn kein Begriff von Willensfreiheit sollte mit unseren besten physikalischen Theorien im Widerspruch stehen.

So wie also einem Elementarteilchen im Doppelspaltexperiment verschiedene Aufprallorte physikalisch möglich sind, so können einem Lebewesen – das behaupte ich jedenfalls – verschiedene Handlungen physikalisch möglich sein. Diese verschiedenen Handlungen lassen sich zum Handlungsspielraum des Lebewesens zusammenfassen. Wir sehen daher, dass der Begriff des Handlungsspielraums nicht im Widerspruch zur Physik steht, sondern im Gegenteil bestens mit ihr verträglich ist.

Was bedeutet „Modifikation des Handlungsspielraums“?

Die zwei wichtigsten Arten, den Handlungsspielraum zu modifizieren, sind diese: Man erweitert ihn oder man verengt ihn.

Verengung des Handlungsspielraums

Das paradigmatische Beispiel für eine Verengung des Handlungsspielraums ist eine Entscheidung: Man entscheidet sich für eine bestimmte Handlung, und wenn diese Entscheidung erfolgreich ist, verbannt man dadurch alle alternativen Handlungen ins Reich des physikalisch Unmöglichen.

Ganz analog kann man aber auch den Handlungsspielraum verengen, ohne sich dadurch bereits auf eine konkrete Handlung festzulegen. Ein einfaches Beispiel: Meine Frau und ich wollen einen Film gucken und sie gibt mir drei Filme zur Auswahl. Damit stehen mir mit den drei Filmen auch drei Handlungsoptionen offen. Vielleicht schließe ich als erstes einen Film aus, weil ich ihn schon gesehen habe. Dann habe ich meinen Handlungsspielraum auf zwei Handlungsoptionen eingeengt, ohne mich deshalb schon für einen bestimmten Film entschieden zu haben.

Man kann das Verengen des Handlungsspielraumes allerdings auch immer durch den Begriff der Entscheidung definieren. Beim Verengen des Handlungsspielraumes auf eine Handlungsoption entscheide ich mich für eine Handlung, und beim Verengen des Handlungsspielraumes allgemein entscheide ich mich gegen gewisse physikalisch mögliche Handlungsoptionen.

Erweiterung des Handlungsspielraums

Soviel zum Begriff der Verengung des Handlungsspielraums. Schwieriger, aber vielleicht sogar noch wichtiger, ist der Begriff der Erweiterung des Handlungsspielraums. Die Idee sollte klar sein: Man hebt Handlungsoptionen aus dem Bereich des physikalisch Unmöglichen in den Bereich des physikalisch Möglichen und damit in den eigenen Handlungsspielraum. Aber wie soll das gehen?

Ich werde hier keine vollständige Theorie über das Erweitern des Handlungsspielraumes aufstellen. Ich möchte vielmehr zwei paradigmatische Beispiele dafür angeben, wie man den eigenen Handlungsspielraum erweitern kann.

Beispiel 1: Bewusstwerdung über den eigenen Handlungsspielraum

Die erste Möglichkeit, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, besteht darin, sich darüber klar zu werden, dass man überhaupt einen großen Handlungsspielraum hat.

Ich setze mich also hin und gebe metaphorisch gesprochen meinem Gehirn den Auftrag, mir Handlungsalternativen zu unterbreiten. Diese Optionen kommen mir persönlich spontan in den Sinn: Meine Haare blau färben. Eine Reise nach Tahiti buchen. Tim and Eric’s Billion Dollar Movie gucken. Im Studio Braun-Buch Drei Farben Braun lesen. Das Buch Kreativität und Logik über das philosophische Problem des Neuen lesen. Hier breche ich den Versuch ab. Ich hoffe, die Idee ist klar geworden.

Zum Glück für meine Leser habe ich mich nur ein wenig ablenken lassen und lediglich den oben verlinkten Trailer zu Tim and Eric’s Billion Dollar Movie geschaut. Dies liefert aber ein schönes Beispiel dafür, wie durch bloße Reflektion über die eigenen Handlungsoptionen tatsächlich neue Handlungsoptionen möglich und sogar wirklich werden können – denn dass ich heute morgen den Trailer für Tim and Eric’s Billion Dollar Movie schauen werde, hätte ich zumindest im Vorfeld nicht gedacht.

Es stellt sich hier allerdings sogleich die schwierige Frage: War es heute Morgen zu irgendeinem Zeitpunkt physikalisch unmöglich, dass ich heute Morgen den Trailer zu Tim and Eric’s Billion Dollar Movie schaue – oder war es nur unwahrscheinlich? Bevor ich diese Frage angehe, möchte ich noch das zweite Beispiel für eine Erweiterung des Handlungsspielraums geben. Ich komme danach auf diese schwierige und wichtige Frage zurück.

Beispiel 2: Gespräch mit anderen Personen

Die zweite paradigmatische Möglichkeit, den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern, ist das Gespräch mit einer anderen Person. Nehmen wir einen besonders klaren Fall: In einer Psychotherapie schildere ich mein Problem beständiger Grübelschleifen, die zu keinem Ergebnis kommen und mich innerlich lähmen. Die Therapeutin wird mir daraufhin aufgrund ihrer Expertise helfen können, neue Handlungsoptionen zu erschließen, indem sie mir beispielsweise Übungen vorschlägt, um aus den Grübelschleifen auszubrechen. Ohne Therapeutin wäre ich auf diese Übungen nicht gekommen – mein Handlungsspielraum wurde also genuin erweitert.

Man braucht allerdings kein Therapeut sein, um seinem Gegenüber neue Handlungsoptionen zu erschließen. Man kann auch einfach mit Freunden über seine Probleme reden – und manchmal hilft das andere Paar Augen, einen neuen Blick auf die eigene Situation zu werfen und neue Ideen zu finden, um mit der Situation fertig zu werden. Eine Erweiterung des Handlungsspielraums ist also praktisch gesehen keine Raketenwissenschaft: Wir machen es ständig!

Waren neu erschlossene Handlungsoptionen physikalisch unmöglich oder nur unwahrscheinlich?

Kommen wir zur schwierigen theoretischen Frage zurück, ob die neu erschlossenen Handlungsoptionen genuin physikalisch unmöglich waren, oder nur physikalisch unwahrscheinlich. Ich sehe hier im Wesentlichen zwei Optionen.

Option 1: Es gibt unendlich viele Handlungsoptionen, daher sind die meisten Optionen unmöglich.

Je mehr man über seine Handlungsoptionen nachdenkt, desto mehr wird einem die schier grenzenlos scheinende Optionenvielfalt bewusst: Ich kann nicht nur eine Reise nach Tahiti buchen, sondern auch an den Gardasee, an die Nordsee, ans Mittelmeer, nach Athen, kurz: An (fast) jeden Ort der großen weiten Welt – so das Portemonnaie es mitmacht. Ich kann nicht nur Tim and Eric’s Billion Dollar Movie gucken, sondern tausende und abertausende anderer Filme. Und so weiter.

Da man also offenbar immer noch eine weitere Handlungsoption findet, wenn man nur genügend nachdenkt, erscheint das weite Feld der Handlungsoptionen als schier unendlich. Aber wenn das so ist, liegt die Vermutung nahe, dass die meisten Handlungsoptionen schon aus mathematischen Gründen Wahrscheinlichkeit 0 haben: Das ist die einzige Möglichkeit, eine annähernde Gleichverteilung unter den unwahrscheinlichsten Handlungsoptionen zu gewährleisten. Das heißt aber, dass die meisten Handlungsoptionen fast sicher nicht in die Wirklichkeit treten – sie sind also physikalisch unmöglich. (Da die Physik mit Wahrscheinlichkeitsrechnung arbeitet, kann physikalisch unmöglich in der letzten Analyse nichts anderes heißen als Wahrscheinlichkeit 0 , d.h. fast sicherer Nichteintritt.)

Option 2: Es gibt nur endlich viele Handlungsoptionen

Dass es unendlich viele Handlungsoptionen gibt, ist falsch: Das Universum ist endlich, und jede Form von Unendlichkeit spiegelt nur ein Versagen unseres kognitiven Apparats, mit sehr großen endlichen Größen umzugehen. In diesem Fall ist unser Handlungsspielraum immer riesig groß – die meisten Handlungsoptionen sind aber so dermaßen unwahrscheinlich, dass sie praktisch nicht eintreffen, wenn sie auch theoretisch nicht unmöglich sind.

In diesem Fall erweitern wir unseren Handlungsspielraum gar nicht, wenn wir über unsere Handlungsoptionen nachdenken oder mit anderen Menschen über unsere Probleme sprechen. Aber ich würde sagen, dass wir dennoch unseren Handlungsspielraum modifizieren, indem wir die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Handlungsoptionen vergrößern.

Um auf mein obiges Beispiel zurück zu kommen: Bevor ich über meinen Handlungsspielraum nachgedacht habe, war die Wahrscheinlichkeit, den Trailer von Tim and Eric’s Billion Dollar Movie zu schauen, verschwindend gering. Zufällig ploppte beim Sinnieren über meinen Handlungsspielraum allerdings der Film auf – und dies vergrößerte die Wahrscheinlichkeit, den Trailer zu schauen, langsam aber stetig auf 1: Denn ich wollte den Trailer verlinken, und bevor ich ihn verlinke, schaue ich ihn mir auch an.

So oder so können wir also beim Begriff der „Modifikation des Handlungsspielraums“ bleiben. Ich halte den Begriff der Erweiterung des Handlungsspielraums für so suggestiv, dass ich ihn beibehalten würde. Aber theoretisch wäre aus meiner Sicht nichts verloren, wenn man zur bloßen Wahrscheinlichkeitsmodifikation wie in Option 2 übergehen würde.

Ausblick

Hiermit beende ich die Erläuterung meiner Definition der Willensfreiheit. Ich hoffe, dass sie nunmehr weniger abstrakt klingt und durch die Beispiele etwas Fleisch auf die Knochen bekommen hat. In meinem nächsten Blogeintrag möchte ich über einige Vorzüge dieser Definition sprechen. Daraus wird sich hoffentlich erhellen, warum ich sie für einen bedeutsamen Beitrag zur Willensfreiheitsdebatte halte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner