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Eine kleine Fingerübung über den Zweck der Philosophie

Heute starte ich wieder einmal ein kleines Experiment: Ich setze mich vor ein leeres Blatt Papier und schreibe auf, was mir so einfällt. Ich habe nämlich die Sorge, dass sich in mir wieder ein gewisser Perfektionismus einschleicht, dem ich mit dieser Übung ein Schnippchen schlagen will. Mal sehen, ob es mir gelingt.

Gestern habe ich einen Satz gelesen, der mich zum Nachdenken gebracht hat – und vielleicht wieder in einen Anflug von Pessimismus meiner eigenen Schaffenskraft gegenüber. In dem Bändchen „Der Löwe spricht… und wir können ihn nicht verstehen“ (Suhrkamp, 1989?) mit Reden zu Ehren von Wittgensteins 100. Geburtstag stellt Brian McGuiness folgende These auf:

„Ein Philosoph, den man durch seine Antworten auf eine Reihe vorgegebener Fragen in den Griff bekommen könnte, wäre bestenfalls Mittelmaß. Im Grunde kommt es darauf an, ob er selbst neue Fragen gestellt hat.“ (Ebd., S. 7.)

Wenn ich diesen Satz auf mich anwende, dann bin ich bestenfalls Mittelmaß: Mir fällt keine genuin neue Frage ein, die ich gestellt hätte, sondern beschäftige mich eher mit hergebrachten Problemen und suche nach einer Lösung. Insofern hat mich dieser Satz ein wenig betroffen gemacht.

Auf der anderen Seite frage ich mich aber, was für ein Bild der Philosophie hier zugrunde liegt. Was passiert mit den Fragen, die durch die Philosophie aufgeworfen werden? Wäre es bestenfalls mittelmäßig, wenn sie von einem Philosophen klar und endgültig beantwortet werden würden? Das scheint mir absurd zu sein. Also muss die Mittelmäßigkeit eines solchen Philosophen darin liegen, dass es keine klaren und endgültigen Antworten auf die Fragen der Philosophie gibt.

Stellen wir also die Frage erneut: Was passiert mit den Fragen der Philosophie? Mir scheinen drei Optionen denkbar: 1. Sie erhalten einander widersprechende Antworten, die jeweils mit eigentümlichen Problemen behaftet sind, was zum Streit darüber Anlass gibt, welche der Antworten die geringfügigsten Probleme aufwirft. Um diese Frage wird wiederum entweder ad infinitum weiter gestritten, oder sie schwelt im Hintergrund der philosophischen Debatten weiter und flammt immer mal wieder auf, wenn man bemerkt, dass eine Frage im aktuellen Fachjargon bloß eine Variante einer uralten Diskussion ist.

2. Die Frage wird durch Umstände, die der Philosophie äußerlich sind, obsolet. Hat man sich im Mittelalter bisweilen heftig darüber gestritten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben, erscheint diese Frage heutzutage aus mehreren Blickwinkeln betrachtet als albern. Erstens glaubt sowieso kaum jemand mehr an Engel. Zweitens sind Engel, selbst wenn es sie gäbe, keine beobachtbaren Entitäten – es lässt sich daher methodisch gar nicht angeben, wie der Streit geschlichtet werden soll. Und drittens: Mal angenommen, es gäbe Engel, so wäre aus meiner Sicht nicht die drängendste Frage, wie viele von ihnen auf einer Nadelspitze Platz hätten. Eher würde mich interessieren, wozu sie da sind; ob es wirklich Schutzengel gibt; ob sie in den Lauf der Welt eingreifen können, und wenn ja, wie; und dergleichen mehr. 

3. Die Frage wird aus Gründen der philosophischen Mode obsolet. Und hier kommen die großen Philosophen ins Spiel: Sie treiben mit ihren neuen Fragen neue Säue durchs Dorf und bürden damit den bestenfalls mittelmäßigen philosophischen Kärrnern neue Arbeit auf. Letztere lassen sich das gerne gefallen – fraglich bleibt, warum sie das tun. Vermutlich, weil die Arbeit an neuen Problemen spannender ist; weil die Fronten noch nicht so verhärtet sind oder es noch gar keine Fronten gibt; weil zur Erörterung der neuen Frage noch kein etablierter, spröder und langweiliger Fachjargon vonnöten ist; und so weiter.

Wenn das aber tatsächlich das Schicksal philosophischer Fragen ist, stellt sich die wiederum alte Frage: Wozu überhaupt Philosophie? Wenn die größten Philosophen die sind, die neue Fragen aufwerfen, und wenn diese Fragen um so größer sind, je weniger sie einer eindeutigen Klärung zugänglich sind, so stellt sich doch die Frage, was dieses ganze Vorhaben eigentlich bezwecken soll. Es kommt doch der Verdacht auf, dass Philosophie nicht mehr ist als eine um sich selbst kreisende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der akademischen Zirkel.

Wozu also Philosophie betreiben? Die schönste Antwort lautet freilich: Um ihrer selbst willen. Aber was ist intrinsisch gut daran, neue Fragen aufzuwerfen, die man nicht beantworten kann? Denn bemerke: Nicht an der Größe der Antwort bemisst sich die Größe eines Philosophen, sondern an der Größe seiner Fragen. Ich sehe aber nicht, was das Tolle an ständig neuen Fragen ist.

Die zweitschönste Antwort, die der Philosophie aber schon einiges an ihrer Würde nimmt, lautet: Weil die Beschäftigung mit der Philosophie zur Ausbildung gewisser Tugenden beiträgt – dem Wortsinn nach ist es ja die Liebe zur Weisheit; es ginge also darum, weise zu werden. Dann kann aber der Großteil der akademischen Philosophie meines Erachtens ins Feuer: Man nenne mir einen Philosophen, der durch die Beschäftigung mit Hegel oder Nietzsche weise geworden wäre. Nur einen!

Oder welcher Philosoph der Weltgeschichte wäre denn weise zu nennen? Der Nazi Heidegger? Der erratische Exzentriker Wittgenstein? Der pedantische Kant? Der kränkliche, größenwahnsinnige Nietzsche? Der „Windbeutel und Scharlatan“ (Schopenhauer) Hegel? Was hat diesen Menschen die Beschäftigung mit der Philosophie gebracht? Weisheit? Oder bloß Weltruhm?

Davon abgesehen bleibt natürlich völlig offen, inwiefern es einen Menschen weise machen soll, wenn er lernt, immer neue Fragen zu stellen – zumindest wenn das wirklich das Merkmal großer Philosophie ist.

Ich kann die Frage, wozu man Philosophie betreiben soll, hier nicht vollständig erörtern. Dieser Text sollte ja nur eine Fingerübung sein, um nicht lesend im Sessel zu erschlaffen. Dieses kleine, persönliche Ziel, habe ich auf jeden Fall erreicht. Und die Frage, was der Sinn und Zweck der Philosophie ist oder sein soll, kommt auf den großen Stapel der ungelösten philosophischen Probleme, den ich in meinem Leben noch abarbeiten möchte…

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