Mit diesem Beitrag starte ich eine kleine Serie zu dem Buch Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist (Reclam, 2019) von dem Philosophen Jan Skudlarek. Meine Lektüre diente vornehmlich therapeutischen Zwecken: In einer präpsychotischen Phase, in der ich meine Medikamente abgesetzt hatte, bin ich ein wenig in die Welt der Verschwörungstheorien abgetaucht und kann seitdem nicht mehr sicher sagen, was echt und wirklich ist und was antifaktisches Verschwörungsgeschwurbel ist. Dieses Buch sollte mich eigentlich von meinen Verschwörungszweifeln kurieren – es ist ihm allerdings nicht gelungen. In dieser Serie möchte ich auf einige Probleme hinweisen, die ich mit dem Buch hatte.
Was ist echt?
Ich beginne mit Skudlareks Diskussion des Echtheitsbegriffs. Wenn wir auf der Suche nach Informationen sind, wollen wir echte Informationen über die Wirklichkeit und keinen „fake news“ aufsitzen. Wir brauchen also eine Theorie darüber, was echt ist und was unecht. Skudlarek liefert auf Seite 43 folgende Definition:
„X gilt als echtes Y in der Gemeinschaft G, weil G dieses X als Y anerkennt. Diese Anerkennung ist nicht willkürlich. Geschichte und Eigenschaften von X sind Grundlage der Echtheitsanerkennung.“
Man könnte nun meinen, dass hier bloß eine Definition dessen geliefert wird, was als echtes Y gilt, und nicht dessen, was ein echtes Y ist. Skudlarek setzt diese Begriffe allerdings in eins: „Echtheit ist kollektive Echtheitszuschreibung.“ (Ebd., S. 42; Hervorhebung im Original.) Er verdeutlicht seine Definition anhand von zwei Beispielen:
„Veuve Clicquot (X) gilt als echter Champagner (Y) innerhalb der Gemeinschaft der Weinkenner (G), weil Weinkenner Veuve Clicquot als Champagner anerkennen. Handverlesene Trauben, Flaschengärung, ein streng abgegrenztes Anbaugebiet usw. sind Grundlage der Echtheitsanerkennung.“ (Ebd., S. 43.)
„Max Musterpolizist (X) gilt als echter Polizist (Y) innerhalb der Bundesrepublik Deutschland (G), weil die Bundesrepublik Deutschland und die Bürger Max Musterpolizist als Polizisten anerkennen. Eine körperliche und geistige Eignung, eine mehrjährige erfolgreiche Ausbildung usw. sind Grundlage dieser Echtheitsanerkennung.“ (Ebd., S. 44.)
Wir sehen an diesen Beispielen, was damit gemeint ist, dass Geschichte und Eigenschaften von X die Grundlage der Echtheitsanerkennung sind: Sie liefern die faktische Basis, die uns mit einigem Recht erlaubt zu sagen, dass X dann ein echtes Y ist, wenn es als echtes Y gilt.
Sind Transgender-Frauen echte Frauen?
Allerdings kommt man mit dieser Definition im derzeitigen gesellschaftlichen Klima schnell in Teufels Küche. Mit einigem Amüsement schildert Skudlarek den Fall von Emile Rateband, der sich vor Gericht erstreiten wollte, dass sein Geburtsdatum um 20 Jahre nach hinten verschoben wird:
„Eines seiner ‚Argumente‘: Man könne ja heutzutage auch sein Geschlecht ändern, also warum nicht sein Alter? Sein grundlegender Wunsch nach Selbstbestimmung in allen Ehren. Das Gericht konnte und wollte seiner juristischen Verjüngungskur jedoch nicht nachgeben. Manche Dinge müssen wir akzeptieren, auch wenn es schwerfällt. Dazu sage ich: ‚Tsjakkaa! Du schaffst es!‘“ (Ebd., S. 176.)
Drehen wir aber nun anhand von Ratebands „Argument“ den Spieß um: Nehmen wir eine Transgender-Person X, die als Mann geboren wurde, und als echte Frau Y anerkannt werden möchte. Warum sollte ich, sollten wir, die Person X mit dieser Geschichte (Eintrag „männlich“ in Geburtsurkunde und Personalausweis) und diesen Eigenschaften (XY-Chromosom, männliche Geschlechtsorgane und -merkmale, usw.) als echte Frau Y anerkennen? Warum ist ihre Männlichkeit nicht eines dieser Dinge, die sie akzeptieren muss, auch wenn es schwerfällt?
Es ist schon bemerkenswert, dass Skudlarek dieser Frage in seinem Text so nahe kommt, ohne sie einer eingehenden und ernsthaften Prüfung zu unterziehen – denn es ist gerade eine Frage wie diese, die es Verschwörungsanhängern im rechten Spektrum so leicht macht, die Verfechter des Mainstreams der Heuchelei zu bezichtigen: Sie führen sich auf als Verteidiger der Wahrheit und erlauben es gleichzeitig jedem Hanswurst, sich gegen seine Biologie sein Geschlecht auszusuchen, einfach auf Basis eines subjektiven Gefühls. Genau dieser Bezug auf gefühlte Wahrheiten wird aber gerade den Verschwörungstheoretikern vorgeworfen (vgl. ebd., S. 99-105). Man sieht also mal wieder den Stachel im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen Auge sieht man nicht.
Ist Q ein echtes Mitglied des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes?
Versuchen wir nun aber, um mehr aufs eigentliche Thema zu kommen, Skudlareks Echtheitsdefinition auf eine echte Verschwörungstheorie anzuwenden: QAnon. Anhänger von QAnon behaupten, dass eine echte Person (oder Gruppe) des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes unter dem Pseudonym „Q“ auf den anonymen Messageboards 4chan und 8chan gepostet hat. Da „Q“ sogenannte Tripcodes verwendet hat (gleicher Tripcode – gleicher User), besteht Einigkeit darüber, welche Postings „Q“ zugeordnet werden können. Eine Sammlung aller Postings bis 2020 findet sich in folgendem Dokument:
Es gilt nun: „Q“ (X) gilt in der Gemeinschaft der QAnon-Anhänger (G) als echtes Mitglied des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes (Y), weil die Gemeinschaft der QAnon-Anhänger „Q“ als solchen anerkennt. Diese Anerkennung ist nicht willkürlich: Es gibt eine Reihe von Q-Postings, die in einer solchen Weise mit zukünftigen Ereignissen korrelieren, dass – so die Anhänger von QAnon – es ausgeschlossen ist, dass irgendein x-beliebiger Kerl diese Postings verfasst haben kann. Diese Postings nennt man in der Community Q-Proofs. Eine Sammlung solcher Q-Proofs bis 2018 findet sich in folgendem Dokument, das wie jedes Buch nicht nach seinem Cover beurteilt werden sollte:
Man kann hier sehen, dass ein echtheitsrelativistisches Problem auftritt: Wenn Echtheit einfach in der sozialen Echtheitsanerkennung besteht, stellt sich die Frage nach der Gemeinschaft, die die Echtheit anerkennt: Welche Gemeinschaftsgröße ist hinreichend für eine soziale Echtheitsanerkennung, die tatsächlich Echtheit verbürgt? Angenommen, die Mehrheit der Gesellschaft würde sich zu QAnon-Anhängern verwandeln: Wäre Q dann deswegen ein echtes Mitglied des Militärgeheimdienstes? Wohl kaum. Aber wofür braucht man dann überhaupt den Verweis auf die Gemeinschaft bei der Frage nach der Echtheit?
Möglicherweise ist die Frage falsch gestellt; Skudlarek hebt in seiner Echtheitsdefinition ja darauf ab, dass Geschichte und Eigenschaften von Q maßgeblich für die Echtheitsanerkennung sein sollen. Dann stellt sich aber noch eine andere Frage. Gesetzt den Fall, dass Q – aus welchen Gründen auch immer – bewusst anonym bleiben wollte: Wie könnte er die Echtheit seiner Militärgeheimdienstzugehörigkeit anders beweisen, als durch ebensolche Q-Proofs, die seine Anhänger gesammelt haben? Er kann ja schlecht eine Art Geheimdienstausweis vorlegen – zumal selbst ein solcher Ausweis nichts nützen würde: Erstens wird nicht „Q“ auf dem Ausweis stehen, und zweitens könnte wiederum die Echtheit eines solchen Ausweises angezweifelt werden.
Gehen wir das Problem von einer anderen Seite an: Wie erkennen wir denn, wann etwas unecht ist? Wenn wir Skudlareks Definition einfach negieren, ergäbe sich folgende Lösung:
X gilt als unechtes Y in der Gemeinschaft G, weil G dieses X nicht als Y anerkennt. Diese Nicht-Anerkennung ist nicht willkürlich. Geschichte und Eigenschaften von X sind Grundlage der Echtheitsaberkennung.
Dann haben wir im Falle von QAnon aber folgendes Problem: Zwar ist es richtig, dass Q gemeinhin als unechtes Mitglied des US-amerikanischen Militärgeheimdienstes gilt. Aber Geschichte und Eigenschaften von Q sind keine Grundlage dieser Echtheitsaberkennung und können es nicht sein – weil wir über Q‘s Geschichte und Eigenschaften einfach nichts wissen: Q hat schließlich anonym gepostet. Man kann also nur auf Basis seiner Postings für diese These argumentieren. Aber wird das im Mainstream getan? Soweit ich sehen kann, ist das im Allgemeinen nicht der Fall. Zusammenfassend muss ich sagen: Skudlareks Definition hilft mir nicht bei der Einordnung, ob Q ein echtes Mitglied des Militärgeheimdienstes ist oder nicht.
War das Attentat auf John F. Kennedy eine echte Einzeltäteraktion?
Kehren wir zurück zum Problem des Echtheitsrelativismus und nehmen den Fall der Ermordung von John F. Kennedy. Das Attentat gilt der offiziellen Geschichte zufolge als ein echtes Einzeltäter-Attentat ohne verschwörerische Elemente. Dieser Umfrage zufolge sind allerdings 65% der US-Amerikaner der Überzeugung, dass es eine Verschwörung gegen Kennedy gegeben hat und Lee Harvey Oswald kein alleine agierender Einzeltäter war.
Was sagt uns nun Skudlareks Echtheitskriterium dazu? Meine These lautet: Gar nichts. Wir wissen nämlich nicht, aus welchen Gründen die Einzeltäterthese von der Mehrheit der US-Amerikaner zurückgewiesen wird. Und selbst wenn wir die Gründe kennen würden: Es ist für die Echtheit gar nicht wichtig, ob die Mehrheit das Attentat als echte Einzeltäteraktion anerkennt – wichtig ist, ob es eine Einzeltäteraktion war. Aber was sich wirklich abgespielt hat, wissen wir schlicht und ergreifend nicht – auch weil bis heute nicht alle Geheimdienstdokumente über den Fall freigegeben wurden.
Fazit und Ausblick
Wir haben an drei Fällen gesehen, dass Skudlareks Echtheitsdefinition in Schwierigkeiten gerät, die allesamt damit zu tun haben, dass seiner Definition zufolge etwas dann echt ist, wenn es in einer Gemeinschaft als echt gilt. Darüber hinaus geht aus seiner Definition überhaupt nicht hervor, wie wir in strittigen Fällen von Echtheit verfahren sollten. Schließen wir uns der Mehrheit an? Lassen wir uns von den besseren Argumenten überzeugen? Aber was sind die besseren Argumente? Die der Mehrheit? Die, die sich „wahr anfühlen“? Skudlarek bleibt hierauf Antworten schuldig. Das ist umso bedauerlicher, als Verschwörungstheorien eben Fälle von strittiger Echtheit sind. Daher lässt mich Skudlarek mit meinen Zweifeln im Regen stehen.
Im nächsten Blogeintrag werde ich diese Zweifel selbst näher unter die Lupe nehmen: Skudlarek unterscheidet nämlich zwischen gutem Zweifel und toxischem Zweifel. Sind meine Zweifel gut oder toxisch? Hilft mir diese Unterscheidung beim Sortieren meiner Verschwörungsgedanken? Wir werden sehen.