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Verschwörungstheorie

Über gesunden und toxischen Zweifel

In diesem Blogeintrag setze ich meine Serie über Jan Skudlareks Buch Wahrheit und Verschwörung (Reclam, 2019) fort. Im letzten Blogeintrag habe ich mich mit Skudlareks Echtheitsdefinition beschäftigt. In diesem Blogeintrag geht es um den Zweifel. Skudlarek zufolge manifestiert sich im Verschwörungsdenken ein Zweifel, den er als toxisch kennzeichnet. Demgegenüber gebe es aber auch einen guten und gesunden Zweifel. Wir wollen sehen, woran Skudlarek diese Unterscheidung festmacht.

Was ist toxischer Zweifel?

Skudlarek benennt sechs Merkmale des toxischen Zweifels von Verschwörungstheoretikern, die ich der Reihe nach durchgehe.

Toxischer Zweifel ist antifaktisch

Skudlarek zufolge zeichnet sich der toxische Zweifel des Verschwörungstheoretikers zum einen dadurch aus, dass er Fakten unter den Tisch fallen lässt, die ihm nicht in sein Weltbild passen. Zum anderen verdrehe er häufig die Beweislast: Der Verschwörungstheoretiker gibt keine Belege mehr für seine Theorie und fordert stattdessen von seinem Gegner, dass er seine Verschwörungstheorie widerlegen soll. Das sei ein Stöckchen, über das man nicht springen braucht: Die Beweislast liege immer bei dem, der eine Behauptung in die Welt setzt.

Einen solchen Zweifel, wie ihn Skudlarek skizziert, würde ich nicht antifaktisch nennen, sondern einseitig: Der Zweifel ist nur auf das Mainstream-Narrativ gerichtet, nicht aber auf die eigene Verschwörungstheorie selbst. Für eine ganze Reihe von Verschwörungstheoretikern trifft diese Beschreibung sicher zu. Allerdings gilt das auch für Anhänger des Mainstreams, die beispielsweise ungeniert behaupten dürfen, Putin hätte mit seinem Ukraine-Einsatz imperialistische Absichten, die sich auf den ganzen europäischen Kontinent erstrecken – und die Putins eigene Reden und Erklärungen seines Handelns gar nicht erst zur Kenntnis nehmen (wollen).

Toxischer Zweifel ist abstrakt

Abstrakter Zweifel äußert sich in generalisierten Aussagen, die in ihrer Pauschalität sicher falsch sind. So erstrecke sich der abstrakte Zweifel über alle Medien, alle Politiker und alle Experten, die einem allesamt falsche Tatsachen vorspiegeln. Hierzu würde ich zwei Anmerkungen machen: Erstens ist der abstrakte Zweifel bei vielen heutigen Verschwörungstheoretikern gar nicht mehr so umfassend abstrakt, sondern vielmehr wiederum einseitig: Trump, Putin oder der AfD wird in Teilen der Verschwörungscommunity durchaus vertraut – es sind ihre politischen Gegner, denen misstraut wird.

Zweitens ist abstrakter Zweifel ein zweischneidiges Schwert: Schließlich geht beispielsweise Skudlarek selbst in seinem abstrakten Zweifel gegenüber Verschwörungstheorien so weit zu sagen, dass es keine wahren Verschwörungstheorien gibt: „[w]enn Verschwörungstheorien wahr sind, sind sie (und sei es aus der Rückschau) korrekte, angemessene Theorien“ (Ebd., S. 191). So leicht kann man es sich natürlich auch machen. Hilft aber leider überhaupt nicht bei der Frage, welche (Verschwörungs-)theorien denn nun korrekt und angemessen sind und welche nicht.

Toxischer Zweifel ist streng im Freund-Feind-Denken

Skudlareks Beschreibung dieses Punktes ist so kurz, dass ich ihn gleich komplett zitiere:

„Der toxische Zweifel ist selbstgerecht und als Folge dessen sich zu sicher, was die Einteilung in ‚gut‘ und ‚böse‘, in ‚Freund‘ und ‚Feind‘ betrifft. Menschen wie Donald Trump, die AfD oder Impfgegner hegen keinerlei Zweifel darüber, wer der ‚wahre Feind‘ ist: Nämlich alle, die ihre Meinung nicht teilen; alle, die ihre Motive aufrichtig hinterfragen; alle, die die Konsequenzen ihres Handelns kritisch erörtern. […] Eine radikale Unterscheidung zwischen Freund und Feind ist nicht nur unsachlich, sondern erkenntnisfeindlich.“ (Ebd., S. 154)

Hierzu zwei Anmerkungen: Zum einen ist mir überhaupt nicht klar, inwiefern ein solches Freund-Feind-Schema überhaupt noch ein Merkmal von Zweifel sein soll – Skudlarek sagt ja selbst, dass hierüber bei Verschwörungstheoretikern kein Zweifel besteht.

Zum anderen bin ich mir nicht sicher, dass Skudlarek nicht selbst in den Verschwörungstheoretikern ein klares Feindbild hat: Er nennt ihren Zweifel „toxisch“, also „giftig“ (S. 157); ihr Denken ist ein „Angriff […] auf das Vertrauen in eine Wahrheit, die wir gemeinsam erkennen und verbindlich ist“ (S. 182); er fordert Widerspruch gegen Verschwörungstheoretiker, denn „[w]er schweigt […] macht sich indirekt zum Kollaborateur jener, die das gesellschaftliche Klima durch ihre Gedanken vergiften“ (S. 183); und Verschwörungsdenken wird ganz offen mit einer ansteckenden Krankheit verglichen (vgl. S. 194-195). Das klingt mir doch einigermaßen streng im Freund-Feind-Denken.

Toxischer Zweifel ist phantastisch

Skudlarek zufolge führt der toxische Zweifel zu „wunderlichen und abenteuerlichen Erklärungen, die nicht ohne ein hohes Maß an kreativer Spinnerei zusammenkommen“ und ist in diesem Sinne phantastisch. Wiederum frage ich mich aber, inwiefern die wunderlichen und abenteuerlichen Erklärungen von Verschwörungstheoretikern ein Merkmal des Zweifels darstellen – es zeigt doch wiederum nur die Einseitigkeit des Zweifels, der sich nur gegen die offiziellen Storys und nicht gegen die eigene Erzählung richtet.

Toxischer Zweifel ist hyperintentionalistisch

Hiermit meint Skudlarek, dass Verschwörungstheoretiker in ihren Erklärungen entweder die Absichten der handelnden Personen überbewerten oder Absichten in Ereignisse hineindeuten, die ohne jede Absicht geschehen sind. Das ist sicherlich der Fall – aber aus meiner Sicht wieder kein Merkmal des verschwörungstheoretischen Zweifels, sondern gerade ein Mangel an Zweifel gegenüber den eigenen Erklärungen und Hypothesen.

Toxischer Zweifel ist zirkulär

Nach Skudlarek beginnt der toxische Zweifel mit dem Misstrauen gegenüber dem offiziellen Narrativ und versucht nun, dieses Misstrauen durch einseitige Ermittlungen zu bestätigen – das Untersuchungsergebnis stehe also beim Verschwörungstheoretiker von vornherein fest; der Zweifel ist zirkulär. Das mag durchaus stimmen und spricht wiederum für die Einseitigkeit des toxischen Zweifels. Ich habe aber darüber hinaus den Eindruck, dass Skudlareks Ziel der Verteidigung des Mainstreams zu Beginn seines Buches ebenfalls bereits feststand – einen Zweifel an offiziellen Storys kann ich in seinem Buch jedenfalls nirgendwo erkennen. Vermutlich muss das Schreiben eines Buches in diesem Sinne zirkulär sein: Ich starte mit einer Idee, und versuche nun, diese Idee möglichst plausibel zu untermauern. Ich sehe nicht, inwiefern das toxisch ist – anders geht es nun mal nicht.

Was ist guter oder gesunder Zweifel?

Skudlarek stellt dem toxischen Zweifel der Verschwörungstheoretiker den guten oder „gesunden“, erkenntnisförderlichen Zweifel gegenüber und charakterisiert ihn durch fünf Merkmale, die ich wiederum der Reihe nach durchgehe.

Gesunder Zweifel ist anlassbezogen und konkret

Dieser Punkt ist natürlich als Gegenposition zum abstrakten Zweifel des Verschwörungsdenkens angedacht, aber Skudlarek merkt selbst, dass sich Verschwörungsdenken eben nicht nur in abstraktem Zweifel äußert, sondern durchaus sehr konkret und anlassbezogen sein kann. Insofern sucht er hier für den gesunden Zweifel eine Mittelposition zwischen abstraktem Zweifel und einem „Zweifel, der sich sinnlos an Kleinigkeiten ergötzt oder aus explanatorischen Mücken Elefanten macht.“ (Ebd., S. 159.) Diese Mittelposition bleibt aber sehr unscharf und schwammig: „Im Optimalfall hinterfragt man anlassbezogen und konkret – jedoch ohne Pedanterie.“ (Ebd.) Mir hilft diese Charakterisierung leider überhaupt nicht weiter.

Gesunder Zweifel hat eine profaktische Grundhaltung

Gesunder Zweifel wischt keine Fakten, die dem eigenen Narrativ widersprechen, vom Tisch, sondern nimmt sie zur Kenntnis und baut sie in das eigene Weltbild ein. Die Preisfrage lautet dabei natürlich aus verschwörungstheoretischer Sicht: Was ist Fakt und was sind Fake News? Skudlarek hat da ein einfaches Prinzip parat:

„Zu einer profaktischen Grundhaltung gehört ganz ausdrücklich das Vertrauen in bzw. der Vertrauensvorschuss gegenüber Autoritäten und Experten.“ (S. 159.)

Inwiefern das noch ein charakteristisches Merkmal von Zweifel sein soll, behält Skudlarek allerdings für sich.

Offenheit gegenüber neuen Gedanken und neuen Sprechern

Gesunder Zweifel ist eine Form von erkenntnisoffenem Denken, dessen Ergebnis nicht schon von Anfang an feststeht. „Offenheit bedeutet, Wahrheitssuche an sich als gemeinsame, dialogische Angelegenheit zu verstehen. Das, was wahr ist und was nicht, das erarbeiten wir miteinander und aneinander. Allerdings nur dann, wenn wir uns möglichst offen begegnen und uns gegenseitig ernstnehmen.“ (Ebd., S. 160-161.)

Das klingt zu schön um wahr zu sein. Erinnern Sie sich noch daran, dass laut Skudlarek alle Verschwörungstheorien per definitionem falsch sind? Wie ergebnisoffen ist Skudlarek in der Diskussion mit Verschwörungstheoretikern? Dieser anlassbezogene und konkrete Zweifel an seiner Offenheit gegenüber verschwörungstheoretischen Stimmen sollte an dieser Stelle erlaubt sein.

Wissen um die Begrenztheit des eigenen Verstandes

Wie wir gesehen haben, würde ich einige Merkmale des toxischen Zweifels im Sinne Skudlareks als Formen von Einseitigkeit beschreiben: Der toxische Zweifel richtet sich nur gegen die offiziellen Narrative, aber nicht gegen die eigenen. In diesem Sinne würde ich das, was Skudlarek als „Wissen um die Begrenztheit des eigenen Verstandes“ fasst, als einen Zweifel beschreiben, der auch das eigene Narrativ mit einem grundsätzlichen Zweifel und Vorbehalt belegt: Es kann sein, dass ich mich irre. Ein solcher Zweifel kann davor schützen, sich mit wehenden Fahnen auf einen völligen Holzweg zu stürzen.  

Gesunder Zweifel respektiert Wahrheitssuche als Dialogform

Skudlarek betont, dass Wahrheitssuche notwendigerweise eine Dialogform hat: „Die Gesellschaft anderer Menschen ist eine Bedingung für richtiges Erkennen.“ (Ebd., S. 162, Hervorhebung im Original.) An anderer Stelle wird allerdings noch deutlicher, für wie sozial Skudlarek die Wahrheitssuche hält:

„Wir entscheiden sozial, d. h. gemeinschaftlich, welche die bessere, angemessenere Beschreibung der Wirklichkeit ist und welche die schlechtere. Plausibilität ist ein soziales Kriterium. Ob du Quatsch erzählst oder nicht, bewertest nicht du – das bewerten wir – unter Beachtung aller Argumente und unter Beobachtung von allem Möglichen, etwa von dem, was wir für die Wirklichkeit halten. Es würde also Einstimmigkeit in Bezug auf das herrschen, auf das wir uns beziehen: Referenz und Konsens gingen Hand in Hand.“ (Ebd., S. 173, Hervorhebung im Original.)

Das Problem ist freilich, dass zwischen Mainstream und Verschwörungstheorie eben kein Konsens, keine Einstimmigkeit herrscht. Vor diesem Hintergrund klingt das hervorgehobene „das bewerten wir“ mehr wie ein die Diskussion abbrechendes „Basta!“ des Mainstreams als wie ein ergebnisoffener Dialog auf Augenhöhe – vor allem, wenn es später heißt: „Falsche Toleranz für Unwahrheiten und Verschwörungstheorien bedeutet Komplizenschaft.“ (Ebd., S. 182.)

Ich sehe auf den ganzen knapp 200 Seiten kaum einen Ansatz für den geforderten Dialog – vermutlich, weil Skudlarek eh nicht an die Sinnhaftigkeit eines solchen Dialogs glaubt: „Kann man Verschwörungstheoretikern gut mit Fakten begegnen? Sie durch Tatsachen bekehren? Nein. Oder zumindest: Eher nein. […] Wenn eine Konfrontation mit Fakten und Tatsachen, die von Experten getragen werden, keine Option ist: Wie soll man sie dann zurückgewinnen? Die Verschwörungstheoretiker, die Liebhaber gefühlter Wahrheiten, die anti-intellektuellen Spekulanten? Die Antwort lautet: Gar nicht. Wie? Was soll das heißen, gar nicht? Gar nicht heißt: Gar nicht.“ (Ebd., S. 192-193.)

Was bleibt dann aber von der Wahrheitssuche als Dialogform noch übrig? Ist Skudlareks Zweifel an den Verschwörungsnarrativen noch gesund oder bereits toxisch? Anlassbezogen und konkret scheinen mir seine Zweifel in Bezug auf die Sinnhaftigkeit eines Dialogs mit Verschwörungstheoretikern jedenfalls nicht mehr zu sein.  

Fazit

Wir haben gesehen, dass mit der Unterscheidung zwischen toxischem und gesundem Zweifel ein zweischneidiges Schwert in die Debatte eingeführt wurde: It cuts both ways. Mit Sicherheit gibt es eine ganze Reihe Verschwörungstheoretiker, die einen durchweg einseitigen Zweifel an den Tag legen. Genauso sicher scheint mir aber, dass Skudlarek selbst in Bezug auf ebendiese Verschwörungstheoretiker einen ebenso einseitigen, abstrakten Zweifel an den Tag legt: Alle Verschwörungstheoretiker sind unbekehrbare Spinner mit falschen Ansichten über die Welt – und wenn sie doch mal richtig liegen, sind es gar keine Verschwörungstheoretiker! Um sein Motto vom Buchrücken zu zitieren: „Ich mach mir die Welt, widewidewie sie mir gefällt!“ (Auch dieses Motto ist, wie man sieht, ein zweischneidiges Schwert.)

Und wie sieht es nun mit meinem Zweifel aus? Zumindest ist er nicht einseitig: Ich zweifle sowohl am Mainstream als auch an den Verschwörungstheorien. Das dürfte ich wohl einen gesunden Zweifel nennen. Andererseits und gleichzeitig macht er aber auch einsam: Wer will sich nicht auf eine Seite schlagen, Mitglied einer Erkenntnisgemeinschaft sein, die weiß, was wahr und richtig ist? Ich fühle mich eher wie ein einsamer Wolf, der keiner Gruppe so wirklich zugehört – weder dem Mainstream noch den Verschwörungstheoretikern. Glücklich macht das nicht. Aber vielleicht sieht man die Wahrheit ja von hier aus besser als aus einer der beiden Gruppen heraus. Diese kleine Hoffnung wird mir (hoffentlich) noch erlaubt sein.

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