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Turbostaat: Ein Ranking aller Alben

Turbostaat sind eine norddeutsche Punkband, die mich bereits seit ihrem ersten Album „Flamingo“ im Jahr 2001 begleitet und meinen musikalischen Geschmack stark geprägt hat. In diesem Monat ist ihr achtes Album Alter Zorn erschienen, was ich zum Anlass nehme, meine persönliche Bestenliste aller Turbostaat-Alben zum Besten zu geben.

8. Stadt der Angst (2013)

Mein persönliches Schlusslicht ist das fünfte Album Stadt der Angst aus dem Jahr 2013. Aber man täusche sich nicht: Selbst das schlechteste Turbostaat-Album ist immer noch ein paar Hördurchläufe wert, denn auf jedem Album finden sich Bandklassiker: In diesem Fall sind es „Sohnemann Heinz“, „Alles bleibt konfus“ und „In Dunkelhaft“. Trotzdem ist die Hitdichte auf Stadt der Angst einfach nicht so hoch wie auf ihren anderen Alben, weshalb es leider die rote Laterne in diesem Ranking bekommt.

7. Flamingo (2001)

Es gibt Debütalben, die einfach so genial sind, dass sich Bands in der Folgezeit vergeblich die Zähne daran ausbeißen, etwas zu produzieren, was auch nur annähernd an das Debüt heranreicht. (Ich denke hier beispielsweise an Interpol.) Und es gibt Debütalben, die eher wie ungeschliffene Rohdiamanten sind, in denen die Band schon ihre Qualitäten durchschimmern lässt, aber eben noch nicht am Ziel sind.

Flamingo gehört eindeutig in die Kategorie der Rohdiamanten: Der Sound ist verglichen mit ihren aktuelleren Alben noch sehr krachig und die Songs der B-Seite können das Niveau der A-Seite eindeutig nicht halten. Aber was die A-Seite für Hits hat, Mannomann! Hervorheben möchte ich vor allem den Opener „Drei Ecken – ein Elvers“, der mit seiner Refrainzeile „Das ist auch dein Zuhause!“ gewissermaßen programmatisch für die Band geworden ist: Sie bleiben sich mit jedem Album treu und spielen Musik, in der ich mich sofort zu Hause fühle.

Schon mit diesem Album haben sich Turbostaat jedenfalls als vielversprechende Punkband auf mein Musikradar gespielt – und schon mit ihrem nächsten Album Schwan konnten sie ihr Versprechen vollständig einlösen, wie wir später noch sehen werden.

6. Abalonia (2016)

Abalonia wurde seinerzeit als das erste Konzeptalbum der Band beworben, das sich um die schon damals virulente Flüchtlingsthematik dreht. Viel mehr als dieser lyrische rote Faden fällt allerdings auf, dass Turbostaat auf diesem Album musikalisch sehr häufig aus ihrer Komfortzone kommen: Songs wie „Die arschgesichter“ oder „Die Toten“ sind ganz eindeutig kein Punkrock mehr, sondern eher ruhiger Postpunk, der mehr auf Atmosphäre als Mitgröhlrefrains setzt.

Entsprechend steht und fällt die eigene Meinung über dieses Album mit der Frage, ob man Turbostaats Ausflüge in andere musikalische Gefilde gut findet oder nicht. Und für mein Teil muss ich sagen: Meine persönlichen Highlights des Albums sind die Songs, in denen Turbostaat wie Turbostaat klingen, was leider selten genug vorkommt. Trotzdem ist es Turbostaat hoch anzurechnen, dass sie auch einmal etwas anderes gewagt haben – und wenn jemand Abalonia als sein Lieblingsalbum von Turbostaat bezeichnen würde, würde ich nicht mit ihm streiten wollen.

5. Alter Zorn (2024)

Turbostaat sind schon eine lustige Band: Einerseits haben sie relativ früh ihren eigenen Trademark-Stil gefunden und klingen auf jedem Album unverwechselbar nach Turbostaat, andererseits klingt fast jedes Album auch etwas anders als sein Vorgänger und beschreitet mehr oder weniger vorsichtig neues Terrain für die Band. Das aktuelle Album Alter Zorn ist in dieser Hinsicht ein Novum für die Band: Es klingt in meinen Ohren haargenau wie sein fünf Jahre alter Vorgänger Uthlande. Was beileibe nichts Schlechtes ist, wie wir noch sehen werden.

Natürlich hatte das Album noch nicht die Zeit sich zu setzen. Dem ersten Eindruck nach ging das Album soundtechnisch gut ins Ohr, es fehlten allerdings ein bisschen die Hits. Nach etwa 15 Hördurchläufen haben sich aber dann doch einige Favoriten herausgeschält: „33 Tage“, „Otto muss fallen!“ und vor allem „Scheissauge“ werden ihre anstehenden Konzerte sicherlich bereichern. Den Refrain des letzteren Songs hat meine Tochter sogar vor kurzem selig vor sich hingesungen – wenn das kein Qualitätsmerkmal ist, weiß ich auch nicht…

4. Uthlande (2020)

Wenn Turbostaat eine Sache drauf haben, dann sind es grandiose Opener. Auch Uthlande fällt gleich mit der Tür ins Haus: „Rattenlinie Nord“ gehört ganz klar zu den besten Turbostaat-Songs überhaupt und rechnet noch einmal mit Deutschlands Nazivergangenheit ab. Das kann man natürlich auch etwas anachronistisch finden – aber immer wenn ich das hier verlinkte Sample aus einem Interview mit Großadmiral Karl Dönitz höre, muss ich doch mit schlechtem Gewissen auflachen über die völlig verblendete Denke der damaligen Führungsriege.

Der Sound von Uthlande ist recht glatt, was durch das fast durchgehend hohe Tempo der Platte ausbalanciert wird und so doch noch für einen gewissen Punch sorgt. Falls Turbostaat mit diesem Album den Sound gefunden haben sollten, der sie bis an ihr Ende begleitet, wäre ich durchaus nicht unzufrieden. Und jetzt bitte alle „Rattenlinie Nord“ hören – danke!

3. Vormann Leiss (2007)

Mit ihrem dritten Album Vormann Leiss wechselten Turbostaat vom kleinen Hamburger Punklabel Schiffen auf ein Majorlabel. Doch wer gedacht hatte, dass Turbostaat damit ihre Seele oder ihren Sound geopfert hätten, musste sich durch das Album getäuscht sehen: Ja, das Albumcover besticht erstmals nicht durch ausgesuchte Hässlichkeit, und ja, das Album ist etwas glatter und eingängiger als der Vorgänger Schwan. Doch der Sound zeigt immer noch klare punkige Kante und Songs wie „Hau ab die Schildkröte“ oder der Opener „Harm Rochel“ machen keine Gefangenen und zimmern ganz schön vom Leder. Letzterer Song wartet im Refrain zudem mit meiner Lieblingsliedzeile der Band auf: „Leb doch mehr wie deine Mutter. Leb bloß nicht wie ich!“

2. Schwan (2003)

Ich weiß noch, wie ich damals 18-jährig mit Euphorie und Vorfreude das zweite Turbostaat-Album in meinen Discman (Mann, bin ich alt geworden!) gelegt hatte und erstmal ganz schön vor den Kopf gestoßen wurde: Fort waren die eingängigen Backgroundvocals des Debütalbums, stattdessen setzte es Brecher an Brecher, jedes Lied klang gleich, und als die 35 Minuten um waren, war ich fix und fertig: Ich fand das Album ganz schön anstrengend.

Und hier kommt ein Phänomen des Musikhörens ins Spiel, das ich unter anderem an Turbostaat gelernt habe: Wenn auf einem Album auf den ersten Eindruck jedes Lied gleich klingt, muss man das Album häufiger hören, um sich ein fundiertes Urteil bilden zu können – und manchmal stellt sich das Album dann als absolute Perle heraus. So wie in diesem Fall. Ich weiß nicht, wie viele Hördurchgänge ich dem Album schlussendlich geben musste, bis es sich wie die kitschige Blume auf dem Cover entfalten konnte. Ich weiß nur, dass ich die meisten Texte des Albums bis heute mitsingen kann. Und das sichert dem Album einen Rang weit vorne in dieser Hitliste.

1. Das Island Manøver (2010)

Turbostaats zweites und letztes Album auf einem Majorlabel stellte einmal mehr unter Beweis, dass ein Wechsel auf ein großes Label nicht mit Ausverkauf einhergehen muss: Neben Abalonia ist Das Island Manøver sicher das düsterste, sperrigste, und für Turbostaat-Verhältnisse experimentellste Album geworden, das in gerade mal 37 Minuten so viele Fässer aufmacht wie andere Bands in 60 Minuten nicht. Der Unterschied zu Abalonia ist (für mich) allerdings, dass die Experimente auf diesem Album allesamt zünden. Bestes Beispiel ist sicherlich die Albumsingle „Pennen bei Glufke“, die vielleicht sogar mein Lieblingssong der Band überhaupt ist: Beim Refrain kriege ich einfach jedes Mal eine Gänsehaut. Wenn das Sellout ist, sollten sich mehr Bands daran versuchen. Ganz großes Tennis, und damit mein Lieblingsalbum der Band.

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