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Warum negatives Denken nicht das Problem ist, sondern die Lösung

Negatives Denken genießt keinen guten Ruf

Wer negativ denkt ist unzufriedener mit sich und seiner Umwelt, neigt zu psychischen Problemen wie Angstzuständen und Depression und hat weniger Erfolg im Leben. So heißt es jedenfalls. Daher suchen viele Menschen nach Wegen mit dem negativen Denken Schluss zu machen. Aber ist das wirklich eine gute Idee? Ich denke nicht! Um meine Position zu erklären möchte ich zunächst eine scheinbar einfache Frage klären:

Was sind überhaupt negative Gedanken?

Negative Gedanken kennt wohl jeder. Hier einige spontane Beispiele: „Ich bin nicht gut genug.“ „Ich schaffe das nicht.“ „Niemand mag mich.“ „Ich bin wertlos.“ Aber stopp: Warum bezeichnet man solche Gedanken eigentlich als negativ? Die offensichtliche Antwort: Weil ich in diesen Gedanken als schlecht dargestellt werde. So weit, so gut. (Oder schlecht.)

Warum negative Gedanken nicht das Problem sind

Warum ist der Wunsch so verbreitet, solche negativen Gedanken loszuwerden? Eine naheliegende Antwort lautet: Weil man sich mit solchen Gedanken eben schlecht fühlt. Hier liegt aber bereits ein Irrtum vor. Ich kann problemlos den Satz „Ich bin nicht gut genug.“ denken, ohne mich deshalb schlecht zu fühlen. Zum Beispiel könnte ich der Überzeugung sein, dass der Satz „Ich bin nicht gut genug.“ einfach falsch ist. Dann habe ich zwar den („negativen“) Gedanken „Ich bin nicht gut genug.“, aber ich fühle mich nicht schlecht dabei, wenn ich ihn denke. Man sollte also aufhören zu glauben, dass es negative Gedanken sind, die einen schlecht fühlen lassen: Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube!

Warum negative Überzeugungen ein Problem sind

Vielleicht sollten wir also anstelle von negativen Gedanken lieber von negativen Überzeugungen reden? Nehmen wir an, ich habe die Überzeugung, dass ich nicht gut genug bin. Ist diese Überzeugung negativ, und wenn ja, warum? Die wiederum offensichtliche Antwort lautet: Die Überzeugung ist negativ, weil sie zum Ausdruck bringt, dass ich schlecht bin. Und mit einer solchen Überzeugung fühlt man sich eben schlecht. Die Idee dahinter ist, dass negative Überzeugungen automatisch negative Emotionen hervorrufen. Und deswegen möchte man negative Überzeugungen loswerden: Weil man sich nicht mehr schlecht fühlen will.

Negative Überzeugungen und negative Emotionen: Ein Teufelskreis!

Ich möchte nicht in Frage stellen, dass negative Überzeugungen negative Emotionen hervorrufen. Aber wo kommen negative Überzeugungen eigentlich her, und warum halten wir negative Gedanken für wahr? Was ist, wenn die negative Emotion zuerst da war, und das Gehirn einfach nach einem passenden Gedanken gesucht hat, um sich die negative Emotion zu erklären? Vielleicht fühlt man sich gar nicht schlecht, weil man die negative Überzeugung hat – vielleicht hat man eine negative Überzeugung, weil man sich schlecht fühlt! Wenn aber negative Überzeugungen negative Emotionen hervorrufen, und wenn negative Emotionen negative Überzeugungen hervorrufen, gelangen wir in einen Teufelskreis aus sich selbst verstärkenden negativen Emotionen und Überzeugungen, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Oder etwa doch?

Was ist negatives Denken?

Hier kommt negatives Denken ins Spiel. Was verstehe ich unter negativem Denken? Um diese Frage zu klären ist es hilfreich, sich die Kontrastbegriffe zum negativen Denken vor Augen zu stellen.

  1. Negatives Denken ist das Gegenteil von affirmativem Denken. Affirmatives Denken bestätigt und verstärkt bestehende Überzeugungen. Negatives Denken hingegen wirkt darauf hin, bestehende Überzeugungen zu hinterfragen und letztlich zu zersetzen.
  2. Negatives Denken ist das Gegenteil von positivem Denken. Positives Denken versucht in allem das Gute zu sehen. Negatives Denken zielt hingegen auf das Erkennen des Schlechten. Zusammengenommen ergibt sich folgende Definition: Negatives Denken zielt auf das Erkennen der Fehler und Mängel bestehender Überzeugungen mit dem Ziel diese aufzulösen.

Warum affirmatives Denken das Problem ist

Aber wie soll negatives Denken gegen negative Gedanken helfen – ist negatives Denken nicht gerade das Problem? Schauen wir uns nochmal die Beispiele für negative Gedanken an. Was haben sie gemeinsam? Sie sind allesamt Affirmationen negativer Überzeugungen – also Beispiele für affirmatives Denken! Das Problem liegt also nicht darin, dass wir zu negativ denken. Das Problem liegt darin, dass wir zu affirmativ denken! Wir haben negative Gedanken, weil wir uns schlecht fühlen – und weil wir uns schlecht fühlen, halten wir sie für wahr!

Warum negatives Denken die Lösung ist

Wenn affirmatives Denken das Problem ist, muss negatives Denken die Lösung sein: Denn negatives Denken ist ja gerade das Gegenteil von affirmativem Denken. Und es macht auch völlig Sinn: Denn wenn negatives Denken darauf zielt, bestehende Überzeugungen aufzulösen, so lässt sich mit negativem Denken prinzipiell auch der Teufelskreis aus negativen Emotionen und negativen Überzeugungen durchbrechen: Man untersucht die bestehenden negativen Überzeugungen und löst sie durch negatives Denken auf! Die gute Nachricht lautet also: Der Teufelskreis aus negativen Überzeugungen und negativen Emotionen lässt sich mithilfe von negativem Denken durchbrechen.

Warum negatives Denken kein Wundermittel ist

Leider gibt es aber auch zwei schlechte Nachrichten. Die erste schlechte Nachricht lautet: Möglicherweise sind die bestehenden negativen Emotionen bereits so stark, dass man nicht mehr klar denken kann. Dann braucht man kein negatives Denken, sondern Medikamente! Die zweite schlechte Nachricht lautet: Negatives Denken ist keine angeborene Fähigkeit, sondern muss gelernt, geübt und regelmäßig angewendet werden. Negatives Denken ist eine Kunst, ähnlich wie eine Handwerkskunst – nur eben mit dem Kopf statt mit der Hand. Aber darin steckt wiederum auch eine gute Nachricht: Wenn negatives Denken eine Kunst ist, dann kann man sie erlernen. Diese Überzeugung leitet meinen Blog – und eines meiner Ziele auf diesen Seiten ist es, dir diese Kunst des negativen Denkens ein wenig näher zu bringen.

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