Im Moment schreibe ich einen Blogeintrag über die Grundlagen der Mathematik und Unendlichkeit – der wird allerdings so lang, dass ich selber fast die Lust daran verliere. (Hoffentlich nur fast!) Um mich ein wenig abzulenken und den Blog trotzdem am Leben zu erhalten, schreibe ich heute nur eine kleine Notiz über ein Phänomen, das ich gestern an meiner Tochter beobachtet habe. Es geht dabei um Träume – vermutlich!
Zur Zeit schläft meine Tochter im Elternbett – sie mag nicht alleine in ihrem Zimmer schlafen. Außerdem ist immer die Nachttischlampe an – sie mag es nicht, wenn es dunkel im Zimmer ist. Dadurch konnte ich letzte Nacht folgendes beobachten: Mitten im Schlaf fing meine Tochter plötzlich an, wild um sich zu treten und „Nein! Nein! NEIN!“ zu rufen. Ich sprach ihr gut zu und sie schlief schnell wieder ruhig weiter. Das hat in mir allerdings die Frage aufgeworfen: Was war die Ursache für das Verhalten meiner Tochter? Oder basaler gefragt: Warum hat sie wild um sich getreten?
Die naheliegende Antwort, die sich mir quasi automatisch aufdrängt und hoffentlich jedem unmittelbar einleuchtend erscheint, ist die folgende: Meine Tochter hatte einen Alptraum. Ich vermute, dass es kein wirklich existenzieller Alptraum war. Vielmehr denke ich, dass ihr im Traum irgendetwas vorenthalten oder verboten wurde. Vielleicht wollte irgendjemand sie auch zu etwas zwingen, was sie partout nicht wollte – schätzungsweise ihr böser Papa oder ihre böse Mama. Wild um sich strampeln und „Nein, nein, NEIN!“ rufen gehört in solchen Fällen nämlich zu ihrem typischen Handlungsrepertoire.
Wie auch immer: Was sie genau geträumt hat, werden wir natürlich nie erfahren, da meine Tochter den Traum heute sicherlich wieder vergessen hat und mir gestern nicht erzählt hat, was sie denn da geträumt hat. Wir halten jedoch fest: Ein Alptraum scheint mir eine gute und plausible Erklärung ihres Verhaltens zu sein – und ich gehe davon aus, dass die werte Leserin diese Einschätzung teilen wird.
Nun wird es allerdings etwas knifflig: Wie kann ein Traum eigentlich Vorgänge in der Realität verursachen? Träume sind offenbar mentale Ereignisse: Sie spielen sich nicht in unserer intersubjektiv geteilten Realität ab, sondern allein – ja, wo eigentlich genau? Im Geist meiner Tochter? Wo soll der sein? Im Bewusstsein meiner Tochter? Was meinen wir damit? Im Kopf oder Gehirn meiner Tochter? Aber wörtlich verstanden würden wir ihren Traum dort offenkundig nicht finden, wenn wir ihre Schädeldecke aufschneiden würden.
Vielleicht hilft uns eine Umformulierung des Sachverhalts aus der Bredouille. Vielleicht sollten wir nicht sagen, dass ein Traum das Verhalten meiner Tochter verursacht hat, sondern der Vorgang des Träumens. Der Vorgang des Träumens scheint mehr innerhalb unserer intersubjektiv geteilten Realität verortbar zu sein – es wirkt daher nicht mehr ganz so rätselhaft, wenn wir das Träumen als eine Ursache ihres Verhaltens ansehen.
Aber wenn wir genauer hinsehen, verschwindet das Rätsel nur, weil wir in unserem Reden vom Vorgang des Träumens den Inhalt des Traums ausgeblendet haben – doch der Inhalt des Traums ist wesentlich dafür, dass wir das Träumen als eine Erklärung ihres Verhaltens ansehen. Nehmen wir etwa an, sie hätte folgendes geträumt: Sie bittet ihren Vater um einen Kakao und er macht ihr einen. Sie trinkt den Kakao und findet ihn außerordentlich lecker. In der Realität sehen wir aber nun, wie meine Tochter wild um sich schlägt und „Nein, nein, NEIN!“ brüllt. Das ergäbe für uns überhaupt keinen Sinn: Würden wir unter dieser Voraussetzung nicht erst recht fragen, warum meine Tochter wild um sich schlägt, wo sie doch so einen wunderschönen Traum hat?
Halten wir also zwei Dinge fest: Erstens akzeptieren wir eine Erklärung des wilden Verhaltens meiner Tochter, das auf ihren vorangegangenen (oder gegenwärtigen) Traum rekurriert. Zweitens akzeptieren wir aber nicht jede solche Erklärung – vielmehr ist der Inhalt des Traums entscheidend dafür, ob wir die Erklärung akzeptabel finden oder nicht: Der Inhalt des Traums muss derart beschaffen sein, dass meine Tochter ihn rundheraus ablehnt. Anderenfalls würde unsere vermeintliche Erklärung nur noch größere Fragezeichen hervorrufen.
Wie kommt es aber überhaupt, dass wir solche Erklärungen umstandslos akzeptieren? Nun, schätzungsweise liegt das daran, dass wir solche Phänomene irgendwann in unserem Leben bereits am eigenen Leibbeobachten konnten. Wir alle kennen Alpträume, die unser Verhalten mehr oder weniger nachhaltig beeinflussen:
Vielleicht machen wir das Licht an, um uns zu erden; oder wir gehen auf die Toilette oder in die Küche, um einen Schluck Wasser zu trinken und zur Ruhe zu kommen; vielleicht haben wir auch im Schlaf gesprochen und so unseren Partner geweckt, dem wir nun von unseren nächtlichen Erlebnissen berichten – und all dies nur, weil wir schlecht geträumt haben.
Diese ganzen Überlegungen werfen nun aus meiner Sicht für den Physikalismus ein gewisses Problem auf. Der Physikalist geht davon aus, dass sich alle Vorgänge in unserer intersubjektiv geteilten Realität allein mithilfe des Vokabulars und der Methoden der Physik erklären lassen müssten. Doch wie könnten Träume Einzug in die Sprache der Physik erhalten? Das scheint mir prima facie schwer vorstellbar.
Die einzige Möglichkeit, die ich da spontan sehe, läge in irgendeiner Art von Gleichsetzung von Träumen mit gewissen Vorgängen im Gehirn – aber diese physikalistische „Erklärung“ würde sich letztlich völlig parasitär zu unserer gewöhnlichen Alltagserklärung verhalten müssen: Sie wäre nur dann verständlich, wenn sich unsere Alltagserklärungen adäquat in ihr widerspiegeln würden – und sie bezöge diese Verständlichkeit allein aus dieser Widerspiegelung unserer Alltagserklärungen in ihr.
Sei es wie es sei: Ich habe den Eindruck, dass solche Phänomene, in denen Traum und Realität gegeneinander porös zu werden scheinen, durchaus unsere Beachtung verdienen. Träume sind eben nicht nur Schäume, sondern haben mitunter ganz direkte und handgreifliche Konsequenzen in unserer intersubjektiv geteilten Realität. Von weniger unmittelbaren, aber vermutlich noch viel tiefgreifenderen Effekten auf unsere Charakterbildung durch Realitätsverarbeitung und Automatisierung von Handlungsabläufen ganz zu schweigen.