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Philosophie Willensfreiheit

Vorzüge meiner Willensfreiheitsdefinition, Teil 3

In einem meiner letzten Blogeinträge habe ich eine neue Definition für den Willensfreiheitsbegriff gegeben. Er lautet: Der freie Wille eines Lebewesens besteht in seiner Fähigkeit zur Modifikation des Handlungsspielraums. In diesem Blogeintrag setze ich meine Serie über die Vorzüge dieser Definition fort.

Vorzug 10: Mein Begriff der Willensfreiheit ist nicht mysteriöser als Fahrradfahren

Nach meiner Definition ist Willensfreiheit eine Fähigkeit eines Lebewesens, und damit ganz in Analogie zu anderen Fähigkeiten wie Fahrradfahren, Schachspielen, Musizieren, und so weiter zu verstehen. In dem Maße, in dem diese anderen Fähigkeiten nicht mysteriös, sondern alltäglich sind, ist auch meine Willensfreiheitsdefinition nicht mysteriös, sondern alltäglich.

Natürlich klingt es auf den ersten Eindruck seltsam oder mysteriös: Wie kann ein Lebewesen auf seinen Handlungsspielraum Einfluss nehmen? Was ist damit gemeint? Wir können aber ganz einfache Beispiele aus dem Alltag nehmen und den Begriff der „Modifikation des Handlungsspielraums“ praxisnah erläutern. Ich habe das in meinen letzten Blogeinträgen bereits getan und verweise hiermit auf diese.

Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass im Grunde genommen auch der Fähigkeitsbegriff selbst etwas Mysteriöses an sich hat. Hierzu ein kleines Experiment zum Selbstversuch. Bitte hebe deine rechte Hand. Auch wenn es komisch aussieht. Bitte tue es einfach. So. Ich gehe davon aus, dass du deine rechte Hand gehoben hast. Und nun die Preisfrage: Wie hast du das gemacht?

Diese Preisfrage war eine Zeit lang meine liebste philosophische Frage überhaupt. Wie hebt man einen Arm? Es hilft zur Beantwortung dieser Frage nicht, einen Neurowissenschaftler zu fragen: Selbst wenn er mir sagt, dass das Heben eines Armes durch das Feuern von Neuronen im Motorcortex ausgelöst wird, und wenn er mir dann sagt, wie das Feuern von Neuronen im Motorcortex kausal mein Heben des Armes verursacht, stehe ich vor dem neuen Rätsel: Wie schaffe ich es, die richtigen Neuronen in meinem Motorcortex feuern zu lassen?

Dieses neue Rätsel – wie lasse ich die richtigen Neuronen in meinem Motorcortex feuern? – ist sogar noch mysteriöser als die Frage danach, wie ich meine Hand hebe. Von meiner Hand weiß ich wenigstens aus alltäglicher Anschauung, dass ich ihre Bewegungen willentlich kontrollieren kann. Von meinen Neuronen im Motorcortex weiß ich das überhaupt nicht. Ich scheine gar keinen Zugang zu ihnen zu haben. Und wenn mich die Neurowissenschaft nicht darüber aufgeklärt hätte, hätte ich nie gewusst, dass es in meinem Gehirn überhaupt einen Motorcortex mit feuernden Neuronen gibt.

Mir fällt eigentlich nur ein Ausweg ein, wie mir Neurowissenschaftler erklären können, wie ich die richtigen Neuronen in meinem Motorcortex zum Feuern bringe: Sie bitten mich darum, meine rechte Hand zu heben und mich dabei zu beobachten: So lasse ich meine Neuronen im Motorcortex feuern. In dem Fall hätte ich besser verstanden, wie ich meine Neuronen im Motorcortex feuern lassen kann: Das Heben meiner Hand ist schließlich die alltäglichste Handlung die man sich vorstellen kann.

Der geneigte Leser wird aber sogleich festgestellt haben, dass unser Ausgangsproblem damit überhaupt nicht gelöst wurde. Wir betrachteten das Heben unserer rechten Hand und fragten uns: Wie haben wir das gemacht? Der Neurowissenschaftler sagte: Durch Feuern von Neuronen unseres Motorcortexes. Wir stellten die Gegenfrage: Wie lassen wir die Neuronen feuern? Der Neurowissenschaftler sagte: Betrachte das Heben deiner Hand – so machst du das. Und wir fragen zurück: Wie mache ich das denn? Womit wir wieder am Ausgangspunkt angelangt sind.

Ein anderer Ausweg für den Neurowissenschaftler wäre es, wenn er mich irgendwie mit einem Teil des Gehirns identifizieren könnte, und wenn er sodann aufzeigen könnte, wie aus diesem „Ich“-Teil des Gehirns das Feuern der Neuronen im Motorcortex verursacht wird. Ein Problem hierbei ist nur, dass nach derzeitigem Stand der Wissenschaft kein solcher Ich-Teil des Gehirns identifiziert werden konnte: Das Gehirn scheint fundamental dezentral zu arbeiten und aus dieser gemeinsamen Aktivität irgendwie die Vorstellung eines Ichs zu konstruieren – man weiß noch nicht, wie.

Das zweite Problem dieser Lösung ist, dass ich kein Gehirn bin, auch kein Teil meines Gehirns, sondern ein Lebewesen. Ich habe ein Gehirn. Aber ich bin kein Gehirn. Das ist so banal, dass es von einem Vorschulkind kommen könnte – und der Umstand, dass ich mich genötigt sehe, diese Banalität zu Papier zu bringen, zeugt davon, was für seltsame Blüten die Denkarbeit der klügsten Gehirne der Menschheit so treiben kann.

Halten wir also fest: Wenn wir die Frage, wie man seinen Arm hebt, beantworten wollen, werden wir vermutlich keinen Aufschluss aus der Neurowissenschaft gewinnen können. Die Frage ist: Woher denn dann? Unsere Selbstbeobachtung reicht offensichtlich nicht aus – es sei denn, ich bin betriebsblind. Und andere Wissenschaften, die uns diese Frage beantworten können, scheinen nicht in Sichtweite zu sein. Es bleibt also ein Mysterium: Wie heben wir unseren Arm?

Wenn man mir also vorhalten möchte, dass mein Willensfreiheitsbegriff mysteriös ist, weil überhaupt nicht klar ist, wie wir unseren Handlungsspielraum modifizieren können, besteht meine Antwort aus zwei Schritten: Erstens: Ich gebe konkrete Alltagsbeispiele. Zweitens, wenn die Frage bestehen bleibt: Ich gestehe zu, dass selbst die Alltagsbeispiele streng genommen mysteriös bleiben – aber ich halte sie nicht für mysteriöser als das Heben eines Armes oder gar Fahrradfahren. Dieser Vorzug meiner Willensfreiheitsdefinition wird deutlicher, wenn wir uns die Alternativvorschläge anschauen – wozu wir im Folgenden übergehen wollen.

Vorzug 11: Eine Modifikation des Handlungsspielraums startet im Allgemeinen keine Kausalkette

Eine alternative Definition des Willensfreiheitsbegriffs besagt, dass der freie Wille eines Individuums darin besteht, eine neue Kausalkette zu starten, die unabhängig vom in der Vergangenheit aufgespannten kausalen Netz ist.

Diese Definition ist aber hochproblematisch. Nehmen wir zunächst das paradigmatische Beispiel einer freien Entscheidung. Eine solche Entscheidung – wenn sie uns wirklich etwas angeht – wird in der Regel auf der Basis von willentlicher Deliberation und/oder Gesprächen mit anderen Menschen getroffen. Diese Deliberations- oder Gesprächsergebnisse werden also stets als Erklärung für unsere Entscheidung herangezogen werden können. Umgekehrt formuliert: Wäre unsere Willensentscheidung gänzlich unabhängig von vorhergehenden gedanklichen Erwägungen oder Gesprächen mit anderen Personen, könnten wir uns den ganzen Aufwand ja problemlos schenken.

Machen wir es konkreter. Angenommen, ich stehe vor der Entscheidung zwischen zwei Handlungsoptionen A und B. Für Handlungsoption A sprechen die Gründe G, und für Handlungsoption B sprechen die Gründe G‘. Wenn ich mich für eine dieser Handlungsoptionen entscheide, starte ich keine Kausalkette: Entscheide ich mich für A, so tue ich das wegen G, und entscheide ich mich für B, so tue ich das wegen G‘. So oder so starte ich keine neue Kausalkette, sondern setze eine bestehende Kausalkette fort. (Zumindest wenn man Gründe als Ursachen einer Handlung versteht. Das lässt sich mit guten Gründen bestreiten – was ich hier nicht tun werde.)

Trotzdem ist meine Definition des Willensfreiheitsbegriffs weit genug, um selbst diese ungenügende Definition des Beginns einer Kausalkette aufzugreifen und den wahren Kern dieser Definition herauszuheben. Das verdient allerdings einen eigenen Abschnitt.

Vorzug 12: Bei der Erweiterung des Handlungsspielraums werden möglicherweise neue Kausalketten gestartet

Nehmen wir das paradigmatische Beispiel einer Erweiterung des Handlungsspielraums: Ich setze mich hin und erwäge meine Handlungsoptionen, also alles, was ich jetzt tun könnte. Wenn ich das tue, steigen in mir zufallsgesteuert (?) verschiedene Handlungsoptionen auf, die meinen Handlungsspielraum erweitern. Diese zufällig (?) generierten Handlungsoptionen stehen nun für potentielle Startpunkte neuer Kausalketten, indem ich mich prinzipiell für eine dieser neuen Handlungsoptionen entscheiden könnte. Allerdings hätte nicht ich die Kausalkette gestartet, sondern mein Gehirn. Ich hätte nur ausgewählt, welche neu begonnene Kausalkette in die Wirklichkeit tritt.

Man muss also differenzieren: Nicht ich starte Kausalketten, sondern mein Gehirn (wenn überhaupt). Ich wähle nur aus, welche vom Gehirn gestartete potentielle Kausalkette zur wirklichen Kausalkette wird. Eine offene Frage bleibt, ob das Gehirn genuin zufällige Handlungsoptionen generiert, oder ob das Gehirn deterministisch, aber chaotisch arbeitet, sodass wir den deterministischen kausalen Zusammenhang nicht erkennen.

Ich denke, dass diese Frage bis in alle Ewigkeit offen bleiben muss. Ich persönlich tendiere zur genuinen Zufälligkeit, kann das aber außer mit Verweis auf die Quantenphysik und der These, dass sich auch im Gehirn quantenphysikalische Effekte geltend machen können, nicht weiter begründen.  

Ausblick

Wir sind jetzt bei einem Dutzend Vorzügen für meine Willensfreiheitsdefinition angelangt – aber am Ende bin ich noch nicht! Im nächsten Beitrag werde ich weiter alternative Definitionen der Willensfreiheit betrachten und die Vorzüge meiner Definition gegenüber den Alternativvorschlägen herausstreichen. Man darf gespannt sein, ob mir das gelingt!

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