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Autobiographisches Selbsthilfe

Mein Leben mit Schizophrenie, Folge 2: Zwischen Skylla und Charybdis

In der Homerischen Sage des Odysseus wohnen zwei Seeungeheuer an entgegengesetzten Ufern einer Meerenge: Skylla und Charybdis. Das Problem an diesen Ungeheuern ist, dass man irgendwie zwischen ihnen hindurchnavigieren muss, ohne dass man einem dieser Ungeheuer zu nah kommt. Vermeidet man Skylla, gerät man gefährlich nahe an Charybdis heran – und umgekehrt.

Odysseus gelingt es der Sage zufolge zweimal nicht, unbeschadet an diesen Monstern vorbeizukommen: Das eine Mal meidet Odysseus Charybdis, wodurch ein Teil seiner Mannschaft von Skylla gefressen wird. Das andere Mal wird er zu nahe an Charybdis herangetrieben und entkommt nur knapp dem Tod. Daher sagt man bei manch einem Dilemma, man befinde sich zwischen Skylla und Charybdis: Vermeidet man das eine Horn des Dilemmas, begibt man sich gefährlich nahe an das andere Horn des Dilemmas – und umgekehrt.

Schizophrene Negativsymptomatik – ein Leben zwischen Skylla und Charybdis

Ist man vom Schicksal mit einer Schizophrenie geschlagen worden, befindet man sich nach der Psychose häufig in einer sogenannten Negativsymptomatik, wie ich in meinem ersten Teil der Serie geschildert habe: Man ist emotionslos, antriebslos, erschöpft, wenn nicht zerschlagen, freudlos, und weitere üble Dinge mehr.

Wie kommt man nun aus der Negativsymptomatik wieder heraus? Aus eigener Sicht würde ich sagen: Vor allem mit Geduld. Denn Verbesserungen werden nicht nach Tagen oder Wochen sichtbar, sondern erst nach Monaten. Es gibt aber insbesondere zwei professionelle Empfehlungen, an denen sich ein von Schizophrenie Betroffener halten sollte, die ich in diesem Eintrag kurz vorstellen möchte. Ich nenne sie im Folgenden Skylla und Charybdis.

Skylla: Unterfordere dich nicht!

Es ist Fachleuten zufolge enorm wichtig, sich in der postpsychotischen Depression nicht zu unterfordern – dies könne nämlich dazu führen, dass man komplett „versandet“, was nichts anderes heißt, als dass trotz aller Geduld überhaupt keine Verbesserung eintritt, nicht einmal nach Monaten: Man kriegt einfach den Hintern gar nicht mehr hoch. Das kann natürlich nicht im Sinne des Patienten sein. Also sollte man sich immer wieder kleine Aufgaben stellen und bewältigen, um an ihnen aus der Negativsymptomatik herauszuwachsen.

So weit, so nachvollziehbar. Aber jetzt kommt der Haken: Man darf die Sache auch nicht übertreiben – denn dann landet man in den Fängen der

Charybdis: Überfordere dich nicht!

Es ist von ähnlicher Wichtigkeit, dass man sich selbst nicht überfordert, das heißt, dass man von sich Dinge verlangt, die bei einer Negativsymptomatik einfach zu viel sind. Insbesondere sollte man sich in seinem Leistungsniveau auf keinen Fall an gesunden Menschen messen – deren Level zu erreichen fordert viel zu viel Kraft, die einem Schizophrenen mit einer akuten Negativsymptomatik nicht zur Verfügung steht.

Das Hauptproblem an Überforderungen ist, dass sie potentiell in depressive Gedankenmuster münden können, die die Negativsymptomatik verstärken würden. Man könnte sich beispielsweise Vorwürfe machen, dass man den Anforderungen nicht gerecht wird; dass man weniger wert ist als andere, weil man weniger zu leisten imstande ist; und so weiter. Solche Gedanken sind niemals hilfreich – und erst recht nicht, wenn man an einer schizophrenen Negativsymptomatik leidet.

Der gut gemeinte Rat: Überfordere dich nicht – und unterfordere dich nicht!

Insgesamt wird einem Schizophrenen also geraten, sich weder zu überfordern, noch sich zu unterfordern: Beides ist dem Genesungsprozess abträglich! Das ist allerdings viel leichter gesagt als getan – denn als Betroffener weiß ich kaum, was eine objektive Überforderung darstellt, und was eine objektive Unterforderung darstellt. Und das Traurige ist, dass das auch kein Fachmann weiß – es ist eben sehr individuell verschieden!

Wie kommt man durch Skylla und Charybdis hindurch? Einige Navigationshinweise

Nun bin ich, wie bereits geschildert, ganz gut durch die Negativsymptomatik hindurch gekommen: Nach etwa zweieinhalb Jahren fühle ich mich bis auf einige Kleinigkeiten über den Berg. Ich brauche zwar immer noch meinen Mittagsschlaf, bin gedanklich oft noch relativ leer und habe bspw. meinen Humor noch nicht wieder erlangt – aber ich habe mittlerweile wieder Antrieb, wenn ich morgens aufwache, und erlebe wieder Freude an den Dingen des Alltags, lebe also ein Leben, das mir unterm Strich als durchaus lebenswert erscheint. Das ist mehr als viele andere Schizophrene von sich sagen können.

Ich schließe daraus, dass ich mich halbwegs erfolgreich durch Skylla und Charybdis hindurchmanövriert habe. Insgesamt scheine ich also ein ganz guter Navigator gewesen zu sein – und ich bilde mir ein, dass ich deshalb in der Lage bin, anderen Betroffenen einige Navigationshinweise mit auf dem Weg geben zu können. Hier sind also meine gut gemeinten Ratschläge für den ganz persönlichen Gang durch die Hölle zwischen Skylla und Charybdis:

1. Gib dir Zeit

Wie ich nicht müde werde zu betonen, dauert es gefühlt eine Ewigkeit, bis sich eine ausgewachsene Negativsymptomatik bessert. Erst im Rückblick über einige Monate, manchmal mit Hilfe einer Psychologin, werden einem kleine Besserungen des eigenen Zustands bewusst. Das ist leider der Normalfall. Man braucht also elend viel Geduld – viel mehr Geduld, als ein Normalsterblicher jemals aufbringen muss. Und der Prozess lässt sich wohl auch nicht beschleunigen – er lässt sich durch Unterforderung oder Überforderung nur bremsen.

Es hat mir sehr geholfen, mein Schicksal mit dem eines Fußballspielers zu vergleichen, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen Kreuzbandriss bekommt: Bis ein Kreuzbandriss verheilt, vergehen viele Monate, meist etwa ein Jahr – und man kann an diesem naturgegebenen Umstand schlicht nichts ändern. Wenn man zu früh mit dem Training wieder anfängt, macht man alles nur noch schlimmer. Der Heilungsprozess braucht einfach Zeit – damit muss man sich abfinden.

Eine Schizophrenie ist nun noch viel schlimmer als ein Kreuzbandriss: Es ist ein bisschen wie ein Gehirnriss. Und das hat zwei Folgen: Erstens betrifft ein Gehirnriss nicht nur das Knie, sondern den gesamten Organismus, denn im Gehirn läuft alles zusammen und vom Gehirn geht alles aus. Zweitens braucht ein gerissenes Gehirn länger als das Kreuzband, um sich wieder zu regenerieren:

In einem ersten Schritt müssen die in der Psychose angebahnten neuronalen Schaltkreise wieder entkoppelt werden, damit man von den Wahnvorstellungen oder Halluzinationen befreit wird – das wird durch die anhaltende Depression geleistet. Danach muss aber auch die normale Verdrahtung wieder hergestellt werden, denn die wurde mit den Wahnverdrahtungen ebenfalls entkoppelt. Das leistet man selber durch langsame Bewältigung des Alltags. Letzteres ist ein bisschen wie die Reha, durch die ein Sportler mit Kreuzbandriss gehen muss: Kleine Babyschritte, immer zusammen mit einem Fachmann, der den Fortschritt im Auge behält.

2. Sei gut zu dir

Einem Sportler mit Kreuzbandriss würde man nicht vorwerfen, dass er sich langsam auf Krücken fortbewegt: Das ist nun mal im Moment sein Schicksal. Genauso bescheuert ist es aber, einem Schizophrenen mit Negativsymptomatik vorzuwerfen, dass er von scheinbar einfachen Abläufen überfordert ist – das ist nun mal im Moment sein Schicksal!

Mir half dieser Vergleich mit dem verletzten Sportler, mich von Selbstvorwürfen, Schuldgefühlen oder Gewissensbissen zu befreien: Was ich nicht kann, das kann ich nicht. Ich hatte das Glück, ein familiäres Umfeld zu haben, das mich in meiner Unfähigkeit aufgefangen hat. Ich weiß nicht, wie ich ohne meine Familie klargekommen wäre. Für diesen Fall kann ich also keine guten Tipps geben – außer den, offen zu seinen Unfähigkeiten zu stehen und bei irgendwem Hilfe zu holen. Eine Therapeutin kann da vermutlich die beste Hilfestellung liefern – ich empfehle daher auf jeden Fall eine begleitende Psychotherapie.

Um wieder zum Ratschlag zurückzukommen: Mir waren die Tage während meiner Negativsymptomatik immer viel zu lang und anstrengend. Geholfen hat es mir, den Tag in zwei kleinere Häppchen zu zerteilen, indem ich mir eine Mittagsruhe verordnet habe. Anfangs habe ich mir nur eine halbe Stunde gegeben, aber das hat sich als zu wenig herausgestellt: Ich brauchte eigentlich immer mindestens eine Stunde. Die ich mir auch gegönnt habe – und bis heute gönne.

Man darf aber auch von Mittagsruhe und Schläfchen nicht zu viel erwarten: Man ist auch nach diesen Auszeiten nicht erholt, fühlt sich manchmal (häufig? immer?) gerädert und muss erstmal wieder in die Gänge kommen. Aber man verschafft dem lädierten Gehirn trotzdem dringend benötigte Ruhe – und es hilft, den Tag nicht zu lang werden zu lassen. Davon abgesehen habe ich die Auszeiten selbst allerdings immer genossen – es war einfach schön, im Bett zu liegen und nichts zu tun. Oft war das für mich die beste Zeit des Tages. In diesem Sinne: Sei gut zu dir und genieße deine Auszeiten ohne Selbstvorwürfe und Schuldgefühle. Dein Gehirn braucht die Ruhe.

3. Finde mit der Häppchentaktik Dinge, die du tun kannst

Eine gängige Taktik bei der (Selbst-)Behandlung von Depressionen ist es, überfordernde Aktivitäten in kleine Häppchen zu zerlegen.

Beispiel: Die Küche sieht aus wie Sau und muss dringend mal wieder aufgeräumt werden. Es hat sich aber bereits so viel Arbeit aufgetürmt, dass eine Bewältigung der Aufgabe unmöglich erscheint. Hier kann es helfen, die Arbeit in Häppchen zu zerlegen und eine Tagesaufgabe daraus zu machen. Zum Beispiel räume ich jetzt nur die Spülmaschine ein und stelle sie an – dann mache ich eine Pause. Nach der Pause spüle ich die Töpfe und mache wieder eine Pause. Anschließend wische ich die Ablagen ab und mache den Herd sauber: Gut gemacht, ein Werk vollbracht!

Es kommt einem vielleicht komisch vor, dass man drei Stunden für eine Aufgabe gebraucht hat, die eigentlich nur eine halbe Stunde erfordert. Aber das ist nicht schlimm. Ein Sportler braucht auf Krücken auch länger für einen Spaziergang. Das wichtige ist, dass man überhaupt etwas geschafft hat. Und um überhaupt etwas zu schaffen, war die Häppchentaktik für mich ein unschätzbarer ständiger Begleiter. Und wenn man etwas geschafft hat, sollte man wiederum gut zu sich sein – man hat eine Pause verdient.

4. Experimentiere am Rand der Überforderung

Wie oben gesagt, muss man zwischen Überforderung und Unterforderung durchnavigieren – ohne dass jemand einem sagen kann, wo eine Überforderung anfängt oder wo eine Unterforderung anfängt. Wie soll man nun herausfinden, was zu viel ist und was zu wenig ist?

Aus meiner persönlichen Erfahrung würde ich sagen: Navigiere das Schiff lieber am Rande der Überforderung entlang. Dein Gehirn braucht Ruhe, um sich neu zu verdrahten – aber es braucht auch Aktivität, um sich neu zu verdrahten. Es braucht leider beides.

Und aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es gibt Dinge, die auf den ersten Blick wie eine Überforderung wirkten, die sich aber mithilfe der Häppchentaktik doch noch als machbar herausgestellt haben. Letztlich führt aber kein Weg daran vorbei, dass man durch Versuch und Irrtum experimentieren muss, wieviel man wirklich schaffen kann.

Bei solchen Experimenten bleibt es nicht aus, dass man sich mitunter zu viel vorgenommen hat, was beispielsweise dazu führen kann, dass man am nächsten Tag völlig zerschlagen ist und am liebsten nur noch im Bett bleiben will. In dem Fall hat mein sein Überforderungsniveau definitiv gefunden – und kann sich ruhigen Gewissens länger ins Bett legen, als man es normalerweise tun würde. Sei gut zu dir!

Fazit

Damit beende ich meine gut gemeinten Ratschläge. Am Ende des Tages ist die Negativsymptomatik eine hundsbeschissene Zeit, die irgendwie durchgestanden werden muss. Das Bett kann dabei der beste Freund sein – bietet aber für sich genommen auch keine Lösung, selbst wenn es so scheinen mag. Aus der Negativsymptomatik heraus führt letztlich nur ein gewisses Aktivitätsniveau, an das man sich am Rande der Überforderung experimentierend hocharbeiten sollte. Dabei schlägt man bisweilen über die Stränge – aber dann ist der gute Freund, das Bett, wieder da, um einen aufzufangen.

Wer weitere gute Ratschläge an Betroffene hat – am besten aus eigener Erfahrung geschöpft – kann sie gerne im Kommentarbereich dalassen. Ansonsten hoffe ich, dass dieser Beitrag für den ein oder anderen Betroffenen eine Hilfe und Stütze sein kann, um sich erfolgreich durch die Scheißzeit zwischen Skylla und Charybdis hindurch zu navigieren.

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