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Philosophie Willensfreiheit

Sind Entscheidungen beobachtbar?

Als ich kürzlich im Buch Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente zwei Aufsätze von Gerhard Roth las, bin ich beim Lesen kurz ins Stocken gekommen. In seinem Aufsatz „Worüber dürfen Hirnforscher reden – und in welcher Weise?“ rechtfertigt Roth seine Redeweise vom entscheidenden Gehirn mit folgender Überlegung:

„Mir scheint der Satz ‚Nicht das Ich, sondern das Gehirn hat entschieden!‘ korrekt zu sein, denn ‚eine Entscheidung treffen‘ ist ein Vorgang, dessen Auftreten objektiv überprüfbar ist. Auf den linken oder rechten Knopf zu drücken oder (tatsächlich oder virtuell) durch eine linke oder eine rechte Tür zu gehen ist (oder benötigt) eine Entscheidung, und man kann mit entsprechendem Aufwand experimentell untersuchen, was im Gehirn passiert, bevor oder wenn diese Entscheidung getroffen wird. Falls es nun stimmt, daß es nicht das wollende und bewußt erlebende Ich ist, welches die Entscheidung über eine Handlung trifft, wer entscheidet dann tatsächlich? Zumindest ist unter diesen Voraussetzungen die Aussage mancher Philosophen ‚Das Gehirn entscheidet nicht – das kann nur das Ich!‘ falsch. Da aus der Dritten-Person-Perspektive eine Entscheidung getroffen wurde und nicht das Ich entschieden hat, kann es nur das Gehirn sein – ein weiterer Akteur ist nicht in Sicht!“

Gerhard Roth: „Worüber dürfen Hirnforscher reden – und in welcher Weise?“, in: Christian Geyer (Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente, S. 77.

Roth bekräftigt in einem zweiten Aufsatz des Bandes diese Sichtweise:

„Um festzustellen, daß ein Mensch, der einige Zeit vor Tür A und B verharrte und dann durch Tür B ging, eine ‚Entscheidung getroffen‘ hat, brauche ich mich nicht auf einen inneren Erlebniszustand zu beziehen. Sofern die Existenz oder Nichtexistenz von Willensfreiheit sich in konkreten Handlungsweisen und nicht bloß in subjektiven Erlebniszuständen ausdrücken muß (das ist ja ein wichtiger Vorwurf der Kritiker), stellt es keinen Kategorienfehler dar, vom Gehirn zu behaupten, es treffe Entscheidungen (vielleicht wäre es unverfänglicher zu sagen: ‚es determiniert die Entscheidung‘ oder ‚es nimmt die subjektiv empfundene Entscheidung vorweg‘).“

Gerhard Roth: „Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen“, in: Christian Geyer (Hrsg.): Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente, S. 221.

Sind Entscheidungen beobachtbar?

Meines Erachtens läuft hier einiges schief. Zum einen glaube ich nicht, dass sich Willensfreiheit in konkreten Handlungsweisen ausdrücken muss: Wäre dem so, wäre Willensfreiheit beobachtbar, aber das kann sie nicht sein, da Freiheit per se nie beobachtbar ist. Aber darum soll es heute nicht gehen. Roth scheint schlicht eine andere Auffassung des Begriffs der Willensfreiheit zu haben als ich. Roth scheint seiner Argumentation einen Begriff der Willensfreiheit als Entscheidungsfreiheit zugrunde zu legen, also so etwas wie die Fähigkeit, freie Entscheidungen zu treffen.

Hier könnte man wieder nachfragen, was denn eine Entscheidung überhaupt frei macht, und inwiefern eine solche Freiheit der Entscheidung beobachtbar sein kann. Aber auch um diesen Punkt soll es mir heute nicht gehen. Mir geht es noch basaler um die Frage, ob Entscheidungen selbst, seien sie frei oder unfrei, beobachtbar sind.

Roth behauptet im ersten Zitat, dass das Treffen von Entscheidungen ein Vorgang ist, dessen Auftreten objektiv überprüfbar ist. Seine Beispiele sind offensichtlich bereits dem experimentellen Labor entnommen, denn es geht darum, auf einen von zwei Knöpfen zu drücken oder durch eine von zwei Türen zu gehen, und eine solche Handlung sei oder benötige eine Entscheidung. Im zweiten Zitat scheint es das anfängliche Verharren vor den zwei Knöpfen oder den zwei Türen zu sein, welches das Treffen einer Entscheidung beobachtbar macht.

Ich möchte dieses von Roth gezeichnete Bild von Entscheidungen in Frage stellen: Meines Erachtens ist es im Allgemeinen nicht beobachtbar, ob eine Person eine Entscheidung getroffen hat oder nicht – es sei denn, man verwendet einen Entscheidungsbegriff, der so dünn und weit ist, dass es zu einer begrifflichen Wahrheit wird, dass jeder Handlung eine Entscheidung vorausgehen muss. Ein solcher Entscheidungsbegriff kann aber meines Erachtens nicht unseren üblichen Gebrauch des Entscheidungsbegriffs einfangen: Ich glaube, dass wir uns im Alltag viel seltener entscheiden, als Roth und andere glauben mögen.

Um diese meine Ansicht zu plausibilisieren, möchte ich ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag geben. Ich werde eine Beschreibung einer Handlungsabfolge aus der Dritten-Person-Perspektive skizzieren und den Leser bitten, sich dabei folgende Frage zu stellen: Wann lässt sich aus dem Verhalten ablesen, dass eine Entscheidung getroffen wurde?

Eine Episode alltäglichen Handelns

Wir starten zu einem Zeitpunkt, an dem ich meine Kinder in die Kita gebracht habe und nach Hause komme. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe in unseren Vorratskeller. Ich stehe vor dem Regal und schaue mich um. Anschließend gehe ich wieder nach oben und schreibe „Gewürzgurken“ auf einen Zettel, auf dem bereits weitere Dinge stehen. Ich ziehe meine Schuhe wieder an, gehe zur Garage und hole mein Fahrrad heraus. Danach fahre ich mit dem Fahrrad am Lidl vorbei zum Edeka. Dort schaue ich auf meine Liste und lege entsprechende Dinge in den Einkaufskorb. Vorm Gewürzgurkenregal verharre ich und betrachte die verschiedenen Produkte. Ich nehme ein Glas „Knax Gewürzgurken“ aus dem Regal und lege es in den Einkaufskorb. Ich gehe zur Kasse, hole mein Portemonnaie raus und zahle mit Karte. (Dabei lugen zwei Fünfzig-Euro-Scheine aus dem Geldscheinfach.) Hier beende ich mein Beispiel aus dem Alltag.

Wie viele Entscheidungen wurden getroffen?

Na? Wie viele Entscheidungen habe ich in diesem Beispiel getroffen? Wenn wir von einem weiten Begriff der Entscheidung ausgehen, wonach jeder Handlung eine Entscheidung vorangehen muss, habe ich hier eine ganze Menge Entscheidungen getroffen. Ich greife ein paar hervorstechende Entscheidungen heraus: Ich habe entschieden, mit dem Fahrrad zu fahren und nicht zu Fuß zu gehen. Ich habe entschieden, zum Edeka zu fahren und nicht zum Lidl. Ich habe mich für die Knax-Gurken und gegen die Konkurrenzprodukte entschieden. Ich habe mich entschieden, mit Karte zu zahlen und nicht in Bar. Das sind schon einmal mindestens vier Entscheidungen.

Wie ist es mit den Situationen, in denen ich vor einem Regal verharre? Wurde dort eine Entscheidung beobachtet? Im Supermarkt vor den Gewürzgurken scheint es so zu sein, dass ich eine Entscheidung für die Knax-Gurken getroffen habe. Wie sieht es mit dem Verharren vorm Regal im Voratskeller aus? Habe ich eine Entscheidung getroffen?

Ich würde behaupten, dass das aus der Beobachtung meines Verhaltens allein nicht ersichtlich ist. Vielleicht ist es so, dass ich nur geschaut habe, ob noch Gewürzgurken vorrätig sind. Mein Verharren zeigt demnach lediglich meine Suche nach Gewürzgurken an. Da ich keine finde, schreibe ich sie auf den Einkaufszettel. In diesem Fall hätte ich keine Entscheidung getroffen.

Vielleicht ist es aber auch so, dass ich mich frage, was ich heute Abend kochen könnte. Ich gehe in den Vorratskeller und spiele anhand der Vorräte einige Optionen durch. Vielleicht bekomme ich währenddessen Appetit auf Hamburger und entscheide mich dafür, heute Abend Hamburger kochen zu wollen. Ich stelle fest, dass dafür noch Gewürzgurken fehlen – also schreibe ich sie auf den Einkaufszettel. Vielleicht ist das passiert. Die Beobachtung schließt das nicht aus. Sie legt es aber auch nicht nahe. Wir wissen es schlicht nicht.

Antwort: Nur eine Entscheidung – und das auch noch gemeinsam – und das auch noch vor der geschilderten Episode

Hier kommt jedenfalls die Auflösung des ganzen Beispiels: Aus meiner alltäglichen Sicht habe ich in der ganzen Geschichte keine einzige Entscheidung getroffen. Bevor ich die Kinder zur Kita gebracht habe, hat meine Frau den Wunsch geäußert, einmal wieder Hamburger zu essen. Ich hatte auch nichts dagegen und habe ihr versprochen, die Sachen dafür einzukaufen. Vielleicht lag hier eine Entscheidung vor. Aber ich bin mir unschlüssig. Vielleicht sollte man lieber sagen, dass wir uns zusammen für Hamburger entschieden haben. Aber wie beobachtet man eine gemeinsame Entscheidung aus der Dritte-Person-Perspektive?  

Sei es, wie es sei, die Entscheidung für die Hamburger ging dem geschilderten Ablauf jedenfalls voraus. Der Rest der Handlung schnurrt nur noch ab. Ich habe also im Keller nur geschaut, ob wir Gewürzgurken vorrätig haben. Hatten wir nicht – also auf den Einkaufszettel damit. Keine Entscheidung. Was der Beobachter in diesem Beispiel nicht wusste: „Knax Gewürzgurken“ sind die Lieblingsgurken meiner Frau – wenn ich also Gewürzgurken aufschreibe, meine ich immer „Knax-Gurken“. (Mir schmecken nämlich alle Gurken gleich.) Mein Verharren vor dem Gewürzgurkenregal zeigte demnach ebenfalls keine Entscheidung an, sondern ein bloßes Suchen nach den richtigen Gurken.

Auch die restlichen „Entscheidungen“ waren keine: Zum Einkaufen nutze ich immer das Fahrrad – auch hier lag keine Entscheidung vor, sondern ein blinder Automatismus. Zum Lidl bin ich nicht gefahren, weil es dort keine Knax-Gurken gibt – auch hier keine Entscheidung meinerseits. Und meine Einkäufe im Supermarkt zahle ich (fast) immer mit Karte – wieder keine Entscheidung, sondern blinder Automatismus.

Fazit: Entscheidungen sind im Allgemeinen nicht beobachtbar – und weniger weit verbreitet als manchmal angenommen

Ich hoffe, dass ich mit meinem ganz alltäglichen Beispiel zwei Sachverhalte illustrieren konnte: Erstens sind Entscheidungen im Allgemeinen eben nicht aus der Dritte-Person-Perspektive beobachtbar, und zweitens sind Entscheidungen im Alltag viel seltener, als manchmal angenommen wird. Meines Erachtens schnurren in der Alltagsroutine viele unserer Handlungen nach ziemlich automatisiertem Schema von selber ab.

Was besagt das für die Willensfreiheit? Nun, meiner Auffassung zufolge ist der freie Wille eines Lebewesens seine Fähigkeit zur Modifikation des Handlungsspielraums – und vielleicht macht es nichts, wenn diese Fähigkeit im Allgemeinen nicht gebraucht wird. Vielleicht zeigt ein Nichtgebrauch der Willensfreiheit sogar an, dass im Moment alles gut läuft. Der Gebrauch der Willensfreiheit ist schließlich anstrengend – und wer will sich schon unnötig anstrengen?

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