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Philosophie Sinn des Lebens

Perfektionismus und der Sinn des Lebens

In den letzten Blogeinträgen habe ich mich mit dem Perfektionismus auseinandergesetzt. Wir haben gesehen, dass Perfektionismus nicht das gleiche ist wie Perfektionsstreben: Während Perfektionsstreben das Leben nach einem möglicherweise unerreichbaren Soll ausrichtet, ohne dabei größere psychische Flurschäden anzurichten, wird beim Perfektionismus das tugendhafte Soll zum tyrannisierenden Muss. Psychische Krankheiten können die Folge sein.

Eine Spielart des Perfektionismus, mit der ich mich heute aus persönlichen Gründen auseinandersetzen möchte, betrifft den Sinn des Lebens. Eine perfektionistische Annahme in Bezug auf den Sinn des Lebens lautet, dass der Sinn des Lebens darin besteht, in irgendetwas eine herausragende Leistung zu erbringen – oder umgekehrt: Dass man etwas Herausragendes leisten muss, damit das Leben einen Sinn hat.

Ich muss zugeben, dass ich diesen Satz sofort unterschreiben würde – insofern bin ich eben doch nicht nur ein nach Perfektion strebendes Individuum, sondern ein potentiell krankhafter Perfektionist. Um so wichtiger für mich – und vielleicht für die ähnlich tickende Leserin – dieser perfektionistischen Annahme auf den Grund zu gehen und sie unter argumentativen Beschuss zu nehmen.

Glücklicherweise muss ich mir da wenig eigene Gedanken machen, denn das hat Iddo Landau in seinem hervorragenden Buch Finding Meaning in an Imperfect World bereits stellvertretend für uns alle getan. Ich folge also einfach seiner Argumentation gegen eine perfektionistische Auffassung über den Sinn des Lebens in Kapitel 3 des angegebenen Buches. Wir werden dabei untersuchen, ob seine Argumente einen Perfektionisten überzeugen können, seine perfektionistische Grundannahme über den Sinn des Lebens aufzugeben.

Argument Nr. 1: Die Sinnfülle des Lebens ist eine graduelle Angelegenheit

In vielen Bereichen des Lebens akzeptieren wir, dass der Unterschied zwischen gut und schlecht ein gradueller ist. Unser Vokabular unterstreicht das: Eine Mahlzeit kann hervorragend schmecken, aber auch nur gut, akzeptabel, befriedigend, mittelmäßig, so lala, schlecht, ungenießbar. Es gibt also nicht nur gut und schlecht, sondern eine ganze Wertskala, auf der wir die Dinge in der Welt einordnen können.

Perfektionisten tendieren im Allgemeinen aber dazu, gemäß dem Alles-oder-Nichts-Denken die gesamte Werteskala auf zwei Werte einzudampfen: Hervorragend oder ungenügend. Wenn man das so offen ausspricht, versteht man gar nicht, wie ein Perfektionist auf die Idee kommen kann, dass nur diese beiden Werte zulässig sind. Aber ich kann aus Erfahrung sagen, dass es sich wirklich so anfühlt: Entweder ich habe eine 1,0 (oder wenigstens eine 1,3) – oder ich habe (mehr oder weniger) versagt.

Das erste Argument gegen den Perfektionismus besteht also darin, den Perfektionisten auf die graduelle Natur unserer Werteskala hinzuweisen, die im Gegensatz zu seiner verarmten Alles-oder-Nichts-Logik von Hervorragend vs. Ungenügend steht. Das gilt für alle Lebensbereiche, insbesondere aber auch für den Sinn des Lebens.

Denn auch wenn uns in diesem Fall das Vokabular dafür fehlt, zeigt uns ein bisschen Überlegung, dass ein Leben mehr oder weniger sinnvoll sein kann. Es kann beispielsweise sein, dass uns unsere Arbeit sinnlos erscheint, aber wir ein sinnstiftendes Hobby oder Ehrenamt haben, das unserem Leben zumindest in unserer Freizeit ein wenig Sinn verleiht. Auch Kinder, Beziehungen oder Freundschaften können als sinnstiftend erfahren werden, auch wenn wir 40 Stunden in der Woche einer stupiden Tätigkeit nachgehen.

Anders ausgedrückt: Es gibt viele potentielle Bereiche, in denen Menschen Sinn erfahren können – und der Sinn des Lebens wäre dann so etwas wie die Summe aus den einzelnen Sinnbruchteilen, die irgendwo im Spektrum zwischen ultimativ sinnvoll und ultimativ sinnlos zu finden wäre. Der Perfektionist begeht den Fehler, sich auf einen dieser Bereiche zu fokussieren und dort mit seinem Alles-oder-Nichts-Denken nur noch die Werte ultimativ sinnvoll und ultimativ sinnlos anzunehmen.

Rein rational betrachtet halte ich dieses Argument gegen den Perfektionismus in Bezug auf den Sinn des Lebens bereits für schlagend. Ich muss allerdings zugeben, dass es für mich trotz alledem schwer ist, vom Alles-oder-Nichts-Denken loszukommen. Mir ist völlig unklar, woran das liegt. Vielleicht komme ich später noch einmal darauf zurück. Wenden wir uns stattdessen dem nächsten Argument zu.

Argument Nr. 2: Perfektionisten messen häufig mit zweierlei Maß

Viele Perfektionisten in Bezug auf den Sinn des Lebens messen Iddo Landau zufolge mit zweierlei Maß: Auf der einen Seite fordern sie von sich selbst herausragende Leistungen, um ihrem Leben einen Sinn zu verleihen – auf der anderen Seite zögern sie aber, das Leben ihrer Freunde oder Familienmitglieder als sinnlos zu bezeichnen, bloß weil sie keine herausragenden Leistungen vollbringen. Das ist allerdings ungerecht sich selbst gegenüber: Wenn andere ein sinnvolles Leben führen können, ohne irgendwelche Höchstleistungen zu erbringen, dann muss das auch für einen selber gelten.

Auch dieses Argument ist meines Erachtens durchaus treffend. Manchmal ertappe ich mich jedoch dabei, wie ich angesichts dieses Arguments das Leben aller anderen mit abwerte und zum globalen Pessimisten werde: Kein Sinn des Lebens für niemanden. Irgendetwas in mir sträubt sich also dagegen, meinen perfektionistischen Anspruch aufzugeben, und wirft stattdessen lieber den Sinn des Lebens selbst über Bord. Eine faszinierende, psychologisch wichtige Beobachtung, mit der ich mich einmal näher auseinandersetzen sollte. Kommen wir nun aber zum nächsten Argument.

Argument Nr. 3: Perfektionisten setzen unrealistische Standards

Perfektionisten erwarten von sich herausragende Leistungen und legen dabei oftmals unrealistische Standards an: Sie vergleichen sich mit weltbekannten Persönlichkeiten wie Einstein oder Gandhi. Dabei vergessen sie aber, dass es in der Geschichte der Menschheit vielleicht ein paar hundert solcher Persönlichkeiten gab, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Die allermeisten Menschen – Millionen, Milliarden von Menschen! – geraten de facto in Vergessenheit. Aber war ihr Leben deshalb sinnlos?

Auch hier fühle ich mich ziemlich ertappt, auch wenn es mir immer noch schwerfällt, von meinen unrealistischen Standards loszulassen. Dieser Text kann auch als ein Versuch verstanden werden, mich praktisch davon frei zu strampeln: Immer wieder kommt mir der Gedanke, diesen Text nicht weiter zu schreiben oder wieder zu löschen, weil er keinerlei originellen Gedanken enthält, oder weil er nicht so wunderschön geschliffen formuliert ist, wie ich mir das für meine Texte wünschen würde. Ich muss meine Endlichkeit und Mittelmäßigkeit akzeptieren lernen. Mein Schreiben ist momentan auch eine Form der Selbsttherapie.

Argument Nr. 4: Perfektionisten neigen zu Grausamkeit sich selbst gegenüber

Viele Perfektionisten legen die in Argument Nr. 3 erwähnten unrealistischen Standards an ihre eigenen Leistungen an, gehen anschließend aber noch einen Schritt weiter: Weil sie den Standards nicht genügen, geißeln sie sich als wertlos und erachten ihr Leben als sinnlos. Dieses Verhalten sích selbst gegenüber ist eine Form der Grausamkeit: Man stelle sich bloß einmal vor, man würde einem Wildfremden vorhalten, sein Leben wäre wertlos, bloß weil er kein Leonardo da Vinci ist. Im besten Fall würde man einfach ausgelacht werden – im schlimmsten Fall würde man den anderen aber enorm kränken.

Auch wenn ich den Einwand nachvollziehen kann, fällt es mir schwer, ihm auch Folge zu leisten und mein grausames Verhalten mir selbst gegenüber einzustellen. Vermutlich sind solche Denkweisen so fest in mein Gehirn eingebrannt, dass es einige Anstrengung braucht, sie wieder loszuwerden. Ich denke halt automatisch so. Ich würde ja hoffen, dass eine Psychotherapie dabei etwas bringen könnte – aber ich bin bereits jahrelang in Therapie und denke immer noch so. Vermutlich braucht es Zeit und Übung. Aber welche Form von Übung? Schwer zu sagen.

Argument Nr. 5: Perfektionismus kann auf narzisstischen und arroganten Denkmustern beruhen

Manche Perfektionisten tendieren dazu, ihre unrealistischen Maßstäbe vor sich selbst zu rechtfertigen, indem sie sagen: Für andere mögen ja geringere Maßstäbe gelten, aber für mich kann kein Maßstab hoch genug sein, denn ich bin etwas Besonderes. Auch hier fühle ich mich ertappt, zugleich muss ich aber eingestehen, dass ich objektiv etwas Besonderes bin: Ich konnte bereits mit drei Jahren lesen, was auf eine außergewöhnlich hohe Intelligenz schließen lässt. Das ist natürlich kein Grund, an sich selbst unrealistische Standards anzulegen. Aber mitunter kommt es eben vor, dass man sich als jemand Besonderes fühlt, weil man jemand Besonderes ist.

Argument Nr. 6: Perfektionisten sind mitunter hyperkompetitiv

Manche Perfektionisten sehen alles als einen Wettbewerb an: Sie wollen nicht nur die hohen Standards um ihrer selbst willen erreichen, sondern sehen das Leben selbst als einen Wettkampf an, in dem sie die anderen Mitmenschen besiegen müssen, indem sie bessere Leistungen erbringen als sie. Dadurch verstellen sie sich selbst aber den Blick auf Werte, die nicht kompetitiv sind. Musik hören oder Filme schauen kann sehr beglückend sein, ohne dass es dabei etwas zu gewinnen gäbe: Als Musikhörer und Filmkonsumenten sind wir alle mehr oder weniger gleich.

Dieses Argument ist für mich persönlich nicht sonderlich schlagend, da ich mein Leben nicht als Wettkampf sehe. Ich will gute Texte um ihrer selbst willen schreiben, ertappe mich aber gegenwärtig bloß dabei, dass ich meinen eigenen Ansprüchen an gute Texte nicht gerecht werde. Vielleicht ist das aber auch okay so: Ich erhole mich schließlich immer noch von meiner zweiten Psychose und bin als Schizophrener einfach nicht mehr so leistungsfähig wie früher. Damit muss ich erst noch klarkommen.

Mein persönliches Fazit

Wie oben bereits erwähnt, halte ich das erste Argument für das stärkste und bereits schlagende Argument gegen den Perfektionismus in Bezug auf den Sinn des Lebens: Ein Leben kann mehr oder weniger sinnvoll sein, und der Perfektionismus beruht auf fehlerhaftem Alles-oder-Nichts-Denken, das – hier spielen Argumente 2 und 3 mit hinein – ausschließlich an das eigene Leben unrealistische Standards anlegt.

Und doch, und doch: Zufrieden bin ich immer noch nicht. Ich fühle mich kognitiv einen Schritt weiter – aber ich merke gleichzeitig, wie eingeschliffen das alte perfektionistische Denken noch immer ist. Es ist gar nicht so leicht, vom Alles-oder-Nichts-Denken loszukommen. Wenn ich meinen eigenen Text lese, finde ich ihn ganz okay. Aber reicht mir das? Und weiter: Wird diesen Text irgendjemand lesen? Reicht es mir, wenn ich ihn einfach nur für mich geschrieben habe? Irgendetwas in mir sehnt sich immer noch danach, etwas Bedeutendes zu schreiben. Aber warum? Und wozu überhaupt? Das sind noch Fragen, die ich vielleicht weiter ergründen sollte, um meinem Perfektionismus auf den Grund zu gehen. Denn es ist immer noch so, dass er auf mein gesamtes Leben einen dunklen Schatten wirft, indem er mir zuflüstert: „Eigentlich hast du bisher nichts erreicht.“ Es ist ein grausamer Teil von mir, dem mit Argumenten allein – soviel habe ich jetzt gelernt – nicht beizukommen ist. Trotzdem ist es gut, dass es diese Argumente gibt. Danke dafür an Iddo Landau, der mit Finding Meaning in an Imperfect World das beste Buch über den Sinn des Lebens geschrieben hat, das ich bisher gelesen habe.

2 Antworten auf „Perfektionismus und der Sinn des Lebens“

Hey Tobi, schön, dass du diesen Text nicht gelöscht hast! Als jemand, der selbst im Clinch mit dem Perfektionismus, dem Katastrophisieren und dem Alles-oder-Nichts-Denken steht, habe ich ihn sehr gerne gelesen. Die folgenden beiden Anschlussfragen haben sich bei der Lektüre für mich ergeben:

1) Welche Eigenschaften kennzeichnen eigentlich eine „bedeutsame“ Leistung im Allgemeinen? Man könnte das zunächst demokratisch definieren, sprich, die Leistung ist eben dann bedeutsam, wenn möglichst viele das so sehen. Dann wäre Bedeutsamkeit quasi gleichzusetzen mit Ruhm. Der Haken an der Sache: Ich bin überzeugt davon, dass viele Menschen etwas Bedeutsames geschaffen haben, aber nie Ruhm dafür erhalten haben. Ebenso sind viele berühmt, die aber nichts Bedeutsames geleistet haben (Beispiele kann sich jeder selbst denken). Aber was ist dann eigentlich das Bedeutsame?

2) Weißt du etwas konkreter, welche bedeutsame Leistung du anstrebst? Ich für meinen Teil bewundere zum Beispiel auch die Leistungen Einsteins oder Gandhis, aber strebe nun wirklich so überhaupt nicht danach, eine bahnbrechende physikalische Theorie zu entwickeln oder ein Land in die Unabhängigkeit zu leiten. Ich meine, schön, dass es diese Leute gibt, aber für mich wär das wirklich nichts. In anderen Bereichen bin ich allerdings stark ambitioniert.

Hey Jonas, danke für deine motivierenden Worte! Sowas habe ich im Moment noch arg nötig… ^^
Zu deinen Anschlussfragen:
1) Gute Frage. Ich habe gestern noch bei Schopenhauer gelesen, dass die wirklich bedeutsamen Werke in der Philosophie meist erst von der Nachwelt als solche aufgefasst werden. (Kant war da wohl ein Sonderfall, aber auch in anderer Hinsicht, da er seine Hauptwerke erst mit über 60 geschrieben hat.) Aber ja, irgendeine Form von allgemeiner Anerkennung steckt schon in meiner Vorstellung von Bedeutsamkeit drin. Ein Werk, das nie Ruhm erhalten hat, wäre demnach nicht bedeutsam.
Umgekehrt ist es aber auf jeden Fall so, dass Ruhm alleine nicht bedeutsam macht. Also muss es noch irgendeinen anderen X-Faktor geben, der ein Werk neben weltlichem (Nach-)Ruhm erst bedeutsam macht. Ich kann dir aber im Moment nicht sagen, was dieser X-Faktor sein könnte. Da muss ich nochmal drüber nachdenken. Vor allem, um mir in Bezug auf deine zweite Frage [2)] klarer zu werden — ich habe nämlich keine Ahnung, was ich eigentlich anstrebe… XD

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